Der Schnitt der Schere sollte doch das einzige sein, was an akustischen Reizen, dem werten Kunden während eines Friseurbesuchs ans Ohr dringt.
Doch weit gefehlt, ähnlich einem Kabarettkünstler während seines Abendprogrammes, sieht sich der Schneidene, obwohl häuftiger und grade insbesondere, die Schneidene zur Alleinunterhaltung verpflichet.
Mögen die ersten 2 Minuten des Kürzungsvorganges in Stille vergangen sein und der zu Richtende schon, sich in Sicherheit wiegend, die Augen geschlossen haben, so kommt es doch unvermeidlich zur Konversation.
Oft ist es nur eine sich harmlos tarnende Fangfrage wie “Schon so früh auf den Beinen?” oder “Wahren sie schon auf dem Weihnachtsmarkt?” die ein stasi ähnliches Verhör nach sich zieht.
Bemerkenswert, ist hierbei die zwanghaft ungezwungene Neugierde, als auch das bemerkenswerte Gedächtnis der Haarhandwerkerin, welches ihr ermöglicht, beim nächsten Friseurgang, Wochen später, die Fragekette lückenlos fortzusetzten.
Die Flucht des zu Frisierenden aus dieser verbalen Folter ist unmöglich, selbst an sich eindeutig scheinende Antworten wie “Ich bin sehr müde heute”, oder “Ja, ich bin erköltet und heiser und kann nicht gut sprechen” führen nicht zum Stillstand des Gepräches sondern werden als Gegenstand von diesem dankbar aufgegriffen: “Was haben sie denn gestern Abend gemacht?” oder “Ja bei diesem Wetter kein Wunder, waren sie schon beim Arzt?”
Ein anderer Friseurtyp ist der Erzähler. Er nutzt die aus seinen Augen unendlich reichhaltige Alltagswelt um ihre Haustiere, Urlaube oder Beziehungen zum Gesprächsthema zu machen. Geschickt hält er während seiner Ausführungen Details oder Unklarheiten so offensiv zurück , dass es dem Kunden unhöflich erscheinen muss diese nicht als Frage zu äußern.
Nun fühlt sich die Angestellte vollends bestätigt, und vergisst ihre eigentliche Aufgabe, wenn sie ihre filigranen Hände nun zur gestischen Untermauerung benutzt und über den Spiegel Augenkontakt zum Opfer aufzunehmen beginnt.
Es stellt sich die Frage, wieso gerade in diesem Beruf das Kommunikationsbedürfnis so hoch ist. Die Mitteilsamkeit schießt bei weitem über das Mindestmaß an Höflichkeit hinaus; vielleicht liegt es aber auch am Arbeitsvorgang selber.
Dem Menschen etwas Natur eigenes zu nehmen, ihn zu entblößen, ihn ohne seine direkte Kontrolle aktiv äußerlich zu verändern, mag der sensiblen Friseusin soweit zusetzten, dass sie ihre Beklemmung versucht über die Unterhaltung zu lösen.
Vielleicht möchte sie aber auch nur dem Kunden das Gefühl der Vertrautheit geben, schließlich greift sie als Fremde mit ihrer Nähe zum Körper des Anderen in dessen Intimsphäre ein und möchte durch das Gespräch auch auf der emotionalen Ebene einen persönlicheren Kontakt aufbauen um damit schließlich die Berührungen zu legitimieren.
Der dritte, einfachste, und auch schlüssigste Ansatz ist, dass fast alle Frauen in jedem Berufsfeld so mittteilunbgsbedürftig, oder wenigstens so neugierig und kommunikativ sind, man ihnen aber wirklich nur beim Friseur so ausgesetzt ist. Die Frau domiert in diesem Berufsfeld und ist gleichzeitig, dem, der die Dienstleistung in Anspruch nimmt überlegen. Nicht nur aufgrund der Körperhaltung- Der Kunde sitzt, die Friseusin steht hinter ihm- sondern auch weil er, auf ein gewünschtes Ergebnis hoffend, sich vertrauend in die Hände der Friseusin begibt, und es nicht wagen kann ihr zu engegenen, dass er die Stille gerne genossen hätte, ohne ein im warsten Sinne des Wortes ein einschneidendes Ergebnis zu riskieren. Mit Tätowiererinnen, im Nagelstudio oder bei der Massage mögen die Erfahrungen ähnlich sein, ich selber habe sie noch nicht gemacht.

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