heute: crispy, crunchy platten-sounds und eine alte jeans – I think I’m vintagenized

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„sie ist eine afroamerikanische sängerin mit einer stimme, die alles wegfegt, und so viel soul versprüht, dass man damit ’nen NPD-abgeordneten zum heulen bringen könnte. eine der größten r’n’b-künstlerinnen aller zeiten.“ „Hmm, Aretha Franklin der 60er Jahre?“ „ach quatsch, ich meine Alicia Keys.“

„Wer ist das? er hat nen wuschelkopf und spielt auf seiner alten fender-gitarre kitschige bluesballaden.“ „bestimmt meinst du den Eric Clapton der 70er!“ „nee, eigentlich meinte ich John Mayer“

„hey kennst du diese band? sie tragen röhrenjeans und lange haare, spielen rock. man kann zu denen abdancen. zur gitarre kommen noch voll die fett-innovativen synthesizer hinzu!“ „ähm – Van Halen in den 80ern?“ „nee, The Killers.“

wenn man als kritischer fernsehzuschauer öfter mal in das dsds-casting reingezappt hat, fällt einem auf, dass diejenigen, die am besten einen bekannten künstler imitieren können, das meiste lob bekommen. der bestimmt am häufigsten gecoverte castingtitel ist, denke ich, the „greatest love of all“ von Whitney Houston. an diesem titel versagen vor allem die mädels immer wieder kläglich, und wenn eine kandidatin es wirklich einmal schafft, halbwegs zu überzeugen, wird sie gleich als neue soulqueen oder rockröhre gekührt. ich fasse zusammen: es gibt anscheinend einen verbindlichen stil, der heutzutage als musikalischer maßstab angesehen wird. wieviel „soul“ im blut hat ein musiker? wie überzeugend bringt er eine rock’n’roll-attitüde auf die bühne? wer kann sich so bewegen wie madonna? das sind die fragen, denen sich viele moderne musiker konfrontiert sehen. ihr stil wird eingeordnet, und zwar in eine der kategorien, die ich im letzten artikel schon angesprochen habe. die frage die man sich stellen muss, ist diese: wieso ist es wichtig, einen 80er-chic  oder die verrücktheit der 60er-hippies zu präsentieren?

meine antwort: die aktuelle musikwelt stagniert und jeder besinnt sich auf bessere zeiten zurück. unser verständnis für populäre musik basiert immer noch auf der wildheit der 50er r’n’roll-ära, dem hippie-freiheitsgedanken der 60er und dem discohype der 70er/80er! was gibt es heute in der musik schon für neue stile oder richtungen, die komplett neu sind, provozieren und trotzdem begeistern? früher haben noch musiker trends kreiert, heute bestimmen die trends die musik. als die beatles mit ihreren frisuren, schwarzen anzügen und ihrer neuen musik die welt erobert haben, wollte auf einmal jeder so eine frisur. als vor ein paar jahren gucci und dolce und gabana usw. die röhrenjeans der 80er wiederentdeckt haben, dachten sich viele bands, dass  es mal wieder zeit für 80er-jahre synthesizer sei. beginnend mit den 50ern wird jede popepoche romantisch verklärt, laminiert und so konserviert; steril und quasi als anschuungsobjekt wieder in die gegenwart gespuckt. man denke nur an Sashas „Dick Brave“-zeit – rock’n’roll-romantik par excellence. oder an diverse vor kitsch triefendene swing-projekte (nichts gegen Roger Cicero;-). am meisten nerven mich diese selbsternannten „R’n’B-musiker“. keiner der 16jährigen hörer weiß wahrscheinlich, dass r’n’b „rhythm and blues“ bedeutet, dessen wichtigster vertreter zum beispiel ray charles war.

nicht nur zerrissene, abgetragene jeans sind „in“, sondern auch abgewetzte e-gitarren, die aussehen, als hätte sie jimi hendrix persönlich durch irgendein räudiges lagerfeuer geschleift. ich liebe solche gitarren! aber nur wenn der schmutz und die macken durch harte bühnenarbeit entstanden sind. nichts dergleichen! solche gitarren kann für 1000€ schönheitsaufpreis im katalog unter abendteuerlichen namen wie “ ’61 original vintage replica“ bestellen. und zack! haben wir wieder die rosarote vintage-brille aufgesetzt, ohne es zu merken!

so jetzt will ich mal aufhören, aber eines noch: die größte frechheit überhaupt besaß im letzten jahr ein gewisser Kid Rock. dass „all summer long“ „sweet home alabama“ von Lynyrd Skynyrd, einmal durch den weichspülerautomaten gejagt, entspricht, ist wohl auch den unmusikalischsten unter uns aufgefallen. ein größeres plagiat veröffentlichte vielleicht nur gary moore (musiker-insider :-)).

dufte grüße aus berlin

Philip

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