Manches Mal fühle ich mich in meiner Umwelt wie ein Alien. Ich weiß nicht, ob das ein unter der geneigten Leserschaft verbreitetes Phänomen ist, oder ich einfach ausgeprägt arrogant bin. Am häufigsten überfällt mich dieses Gefühl in Bahnhöfen. Doch wie ich heute einmal wieder feststellen musste – auch Supermärkte eignen sich für diesen Zweck ganz ausgezeichnet. 

Harmlos bewegte ich mich, wie immer neugierig auf der Suche nach Betrachtenswertem, gerade durch die Obst- und Gemüseregale, als zwei Gorillas meinen Weg kreuzten. Adidas-Jogginghosen, kurzer Hals, hochgezogene Schultern, abgespreizte Arme und ein leerer Blick, kombiniert mit grunzenden, kommunikationsähnlichen Lauten und der daraus resultierten Ausstrahlung geballten Sexes ließen die selbst die gekühlte Butter im Regal dahinschmilzen. Besonders erfreulich daran finde ich, dass diese Art Mensch nur noch wenige Evolutionsstufen vom aufrechten Gang entfernt ist – sie können es schaffen! Irgendwann!

Ich habe mich noch nicht ganz von der schockierenden Erkenntnis meiner eigenen Minderwertigkeit erholt, als mich der Anblick geballten Elends in die Realität zurückholt. Drei weibliche Emos stehen vor mir, und beraten über die Geschmacksrichtung des zu kaufenden Joghurts. Erstaunt nehme ich zur Kenntnis, dass Emos Nahrung zu sich nehmen. Der zweite Blick enttarnt das eine stinktierfarbige Wesen vor mir als Muttertier. Die Verseuchung schreitet fort, wenn mittlerweile selbst die älteren Generationen der absoluten Alternativität ergeben. Wie schon tausende Jugendliche es ihnen jeder, ganz individuell und gesellschaftsspalterisch, vorgemacht hat. Eine beeindruckende Bewegung. Beinahe wünsche ich mir, dabei zu sein. Dann wird der Emo-Nachwuchs mit Mandy angesprochen. Ich beschließe, mein Mitleid vorerst aufzusparen und mich in Ignoranz zu üben.

Den mittlerweile weitestgehend gefüllten Einkaufswagen vor mir herschiebend, kreuzt mein Weg kurz darauf den eines Mannes in den mitt-vierzigern, der mit ca. 16 Jahren in einer gemütlichen Bierstunde mit einigen Freunden, aus einer akuten Unlust zum Friseur zu gehen und einer Vorliebe für Metal beschloss, sein Äußeres entsprechend anzupassen. In der Gegenwart zeigt sich dies in Form eines hüftlangen Pferdeschwanzes, des obligatorischen ausgewaschenen schwarzen T-Shirts einer mir entfallenen x-beliebigen Metalband und anderen ähnlich originellen Stilblüten, die auch seine weibliche Begleitung zierten. Beide sprachen den auf ein im Sprachzentrum sitzenden Tumor hindeutenden sächsischen Dialekt, und beantworteten somit die Frage, warum sie beide nie gemerkt hatten, dass erwachsene Metaler zu 99% eher lächerlich wirken.

Mein Weg zur Kasse wurde dann von weniger bemerkenswerten Begegnungen mit kichernden Wasserstoffblondinen mit Playboy-Gürtel, einer ebenfalls wasserstoffblondierten Sonnenstudio-Stoppelhaargroßmutter und der Begegnung mit dem zweiten, mir aus meiner Zivi-Zeit als psychisch krankem bekannten Menschen geprägt. Vor der Kasse kurzes aufatmen: einer der neuen Angestellten ist mir als durchaus normal intelligentes, sympathisches Wesen bekannt – ein kurzer Fels in der Brandung. Wie sich kurz darauf herausstellt, nur die Anhöhe vor einer Schlucht. Der Kassierer ist mir  ebenfalls bekannt,  und die über ihn in meiner kleinen Datenbank vorhandenen Infos belaufen sich vor allem auf die über allem anderen prangende Eintragung, dass seine letzte Freundin mehrfach von ihm geschlagen worden war. Begeisternd.

Und als wäre all dies nicht genug, befindet sich auf dem Rückweg zum Auto gerade eine Gruppe HipHopper an der Imbissbude. Nicht nur, dass diese bemitleidenswerten Wesen es noch immer nicht gemerkt haben, dass ihr unglaublich tighter Trend mittlerweile vollkommen abgeklungen ist, und sie irgendwie verpasst haben sich Tickets für den Emo-Zug zu lösen – sie begehen auch allesamt den in diesem Milieu verbreitetsten Fehler überhaupt: Sie verwechseln den Paarungstanz mit dem Toilettenschritt. Die Auswirkungen dessen dürften allerdings eher unspektakulär bleiben – die anwesenden Damen waren offensichtlich nicht in der Lage, den Unterschied zu erkennen.

Homo sapiens, wo bist du? Ich suche dich!

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