von Philalex89

„Ja, endlich bin ich in dieser Hauptstadt der Welt angelangt![…] Nun bin ich hier und ruhig und, wie es scheint, auf mein ganzes Leben beruhigt. Denn es geht, man darf wohl sagen, ein neues Leben an, wenn man das Ganze mit Augen sieht, das man teilweise in- und auswendig kennt. Alle Träume meiner Jugend seh‘ ich nun lebendig; […]“ Goethe, Italienische Reise, Rom, den 1. November 1786

Jeder kennt Italien, Rom, Caesar und Pizza. Die Welt der römischen Antike übt auf uns Europäer einen ebenso mystischen Reiz aus, wie die epischen Stoffe aus dem Mittelalter. Rom ist für uns gewaltig, weil es gewaltig war und nicht weil es die Stadt der Städte Europas ist. Sie ist wie der alte General, der sein Schwert nicht mehr halten kann, vor dem aber trotzdem alle ehrfürchtig erstarren. Man kann Goethes ekstatische Begeisterung verstehen, vielleicht sogar teilen. Heute wie zu Goethes Zeit ist uns Italien und besonders seine Hauptstadt allgegenwärtig: Damals als verklärtes Paradies einer untergegangenen Epoche und unerschöpfliche Quelle antiker Heldenstoffe, heute als Urlaubsland und Exporteur mediterran-kulinarischer Lebensart. Über die heimischen Bildschirme flimmert Pizzawerbung mit dem Kolosseum im Hintergrund, Russel Crowe im Lendenschurz stürzt sich brüllend auf seine Arenagegner und Asterix verteilt Kinnhaken an römische Centurien, sodass sie bis nach Afrika geschleudert werden.

Jedes Kind weiß was eine Schlidkrötenformation ist. Das ist doch schon ein Grund nach Italien zu fahren, dachten wir uns, und beschlossen wie Hannibal die Alpen zu überqueren. In unserem Falle entschieden wir uns aber für den Zug als Transportmittel, obwohl Marcus schon bei einem indischen Elefantentreiber Informationen über eine Dickhäuterleihgebühr eingeholt hatte. „Wir“ sind übrigens Nele Brennecke, die Kecke, Marcus „hustler crip“ Buckmann und Philip Kraut.

Sonntag, den 5. Juli

Die Nacht war kurz und zwar sehr sehr kurz. Im Hause Kraut wurde wie des Öfteren gefeiert, meine Mutter hatte Geburtstag. Marcus und ich haben bis nach Mitternacht die Gäste mit erdigem Blues beschallt und meine wohlige Bierlaune hatte zur Folge, dass ich nach dreistündiger Ruhe verpeilt in die norddeutsche Sonne blinzelte. Ohje! Schnell einen Kaffee getrunken und schon ging es los, Marcus abholen, welcher eine halbe Stunde früher aufgestanden war und zu Fuß seinen 18kg schweren Rucksack zum Bahnhof geschleppt hatte. Vor seiner Haustür fiel mir siedendheiß ein,dass ich meinen iPod  am PC vergessen hatte. Es würden wohl drei musikfreie Wochen werden! Denkste, Puppe! Aber davon später mehr.

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Kurz vor der Zugabfahrt trudelte ich ein, die beiden hatten schon ein Schönes-Wochenende-Ticket (SWT) gekauft. Unvorstellbar, dass man mit 37€ durch die ganze Republik fahren kann! Meine Hetze war umsonst, ich hätte sogar noch den iPod holen können, denn der Zug kam 15 Minuten zu spät. Kaffee, Adrenalin und Reiselust verhalfen uns zu einer neutralen Bewertung der Situation, schließlich mussten wir die nächsten drei Wochen auf den Schienenverkehr vertrauen…

In Bremen war das Wetter fantastisch aber noch nicht mediterran. Hannover hieß das nächste Ziel, abgesehen von Osnabrück ist das von Bremen die einzige südlich Strecke, aber wer will schon nach Osnabrück? In der Expocity Hannover gab es keinen vernünftigen Bäcker, nur einen kleinasiatischen Spezialitäten-Imbiss, der Bagdads Backwaren im Angebot hatte, und es war wie das 1000 und erste Frühstück.

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Deutschlands Landschaft fängt an, sich zu verändern, wenn man aus Hannover herausfährt. Rechter Hand überragt das Weserbergland mit beachtlichen 400m hohen Erhebungen den Horizont, worauf sich der Solling anschließt. Links verschwimmt der Harz im Nebel, sein Dasein als ewiger Regenfänger fristend. Göttingen war nett, Napoleon hat nicht darauf geschossen, weil Carl Friedrich Gauß dort gelebt und ein bisschen gerechnet hat. Dann kam schon Hessen und Orte mit für sich selbst sprechenden Namen wie „Schlüchtern“ oder „Sterbfritz“ ließen uns auf eine heile Einfahrt in Bayern hoffen. Unser Aufenthalt in Würzburg war pikant und ich spiele nicht nur auf den Stadtnamen, sondern besonders auf ein türkisches Mischfleisch-Produkt am Spieß, an. Würzburg ist deswegen so tückisch, weil man denkt, dass man die Alpen ja quasi schon erreicht hat, man ist schließlich in Bayern, sagt der hanseatische Menschenverstand. Von der sommerlichen, niederbayrischen Idylle lenkte uns ein Fahrgastzähler gleichen Alters ab, der uns trotz seines anspruchsvollen Ferienjobs in ein Gespräch verwickelte. Er sei auch Rucksacktourist und wäre letztes Jahr in Peking bei den Olympischen Spielen gewesen. Wie er da hingekommen sei? Na ist doch klar! Mit der transibirischen Eisenbahn! Eine klasse Type, der aussah als würde er sein heimisches Nürnberg nur verlassen, um die Auswärtsspiele seines Fußballclubs zu sehen. So kann man sich täuschen!

Die geschätzten 37 Gleise des Münchner Kopfbahnhofs erinnerten uns daran, dass wir eine beträchtliche Strecke schon geschafft hatten. Als nächstes ging es nach Rosenheim. Ein junger, flotter allgäuer Bergführer durfte auf unserem SWT mitfahren. Er erzählte von seinen „Oipen“ und dem Gefühl am Seil zu hängen. Darüber vergaß er, seine modische Allzweck-Outdoor-Jacke mitzunehmen, die wir natürlich sofort verantwortungsbewusst beim Schaffner abgaben!

Berge! Rosarot beschienen, felsig zerklüftet, rau und spitz in den Äther ragend, eisig sogar und gewaltig! Wir staunten und vergaßen unsere bis jetzt 12 Stunden dauernde Regionalzugfahrt. Kufstein sollte unser Tagesziel sein. Nachdem jeder von uns erzählt hatte, dass es ja ein berühmtes Kufsteinlied gebe, rollten wir in das Unterinntal ein und genossen die innige Ruhe am Inn.

Kennst du die Perle, die Perle Tirols ?

Das Städtchen Kufstein, das kennst du wohl!

Umrahmt von Bergen, so friedlich und still.

Ja das ist Kufstein dort am grünen Inn, Ja das ist Kufstein am grünen Inn,

Holadi holado usw.

Zum Campingplatz mussten wir fünf Kilometer laufen. Bergauf und mit insgesamt 47kg Gepäck. Schnell bauten wir unser Zelt auf, ohne uns angemeldet zu haben, denn der Besitzer schien schon seine abendliche Brotzeit und ein kühles Weißbier zu genießen. Genau das war auch unser Plan, unsere deftige Jause bestand aus einer Dose vegetarischer Ravioli und damit es nicht langweilig wird aus einer zweiten Dose hackfleischhaltiger Ravioli. Eine warme Mahlzeit wäre genau das richtige gewesen, Gott sei Dank hatte ich ja einen kleinen Gaskocher mit, der nach ungefär 10 Sekunden seinen letzten Rest Propan in Form einer schwachen Bunsenbrennerflamme abgegeben hatte. Nach 15 Stunden Bahnfahrt gibt es nichts besseres als kalte Ravioli!

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