von Philalex89

Dienstag, den 7.Juli

Mein etwa zwei Pfund schwerer Italienreiseführer schreibt über Shakespeares bekannteste Tragödienstadt folgendes: „Der Dichter war niemals in der kunstsinnigen Stadt.“ Aha, wie interessant. Konnte man sich eigentlich schon fast denken. Die nächste Frage könnte lauten: War Goethe je in Persien? Schließlich hat er doch den „West-östlichen Divan“ geschrieben! Und weiter: „Käme er [Shakespeare] heute, wäre er von den Festspielen in der römischen Arena und der jährlichen Weinmesse vermutlich so begeistert, dass er seiner Liebestragödie sicherlich einen versöhnlichen Schluss gäbe.“ Es ist erstaunlich, was sich die flotten Federn vom Verlag Baedeker anmaßen, um dem gelangweilten Massentouristen von heute einen verträumten, eloquenten Einstieg in den Artikel zu bieten. Meiner Erfahrung nach hätten Romeo und Julia sich gar nicht erst kennen gelernt, hätte Shakespeare versucht, eine Oper in Verona anzusehen. Wir freuten uns wirklich auf Giacomo Puccinis „Turandot“, wobei wir nicht wussten, dass erstens echte Opernliebhaber diese Veranstaltung meiden und zweitens aufgrund des unter freiem Himmel spielenden Orchesters das Risiko eines wetterabhängigen Totalausfalls nicht zu unterschätzen ist.


Doch nun zu unserer Ankunft: Wir waren im Italien, wie es im Buche steht! Ein Gewimmel, Großfamilien mit keifenden Mammas, sich selbst sehr wichtig findende Carabinieri, die einen über die Straße pfeifen und Touristen, überall. Man ärgert sich jedes Mal wieder und vergisst dabei seinen eigenen Status als Ausländer. Doch das ist das Dilemma der Fernreise: Je interessanter das Reiseziel ist, desto mehr Menschen möchten dort hin und desto schwieriger ist es, eine Stadt oder eine Region, was auch immer, im Urzustand pur zu genießen. Es sei denn, man fährt nach Grönland. Der Himmel grummelte und wir liefen in die falsche Richtung, weil wir ein winziges Symbol auf einer verschrammelten Buskarte als Campingplatz gedeutet hatten. Der richtige Weg führte uns bei 35°C durch die Altstadt, nachdem wir beschlossen hatten, ein Hostel aufzusuchen. Andere Gruppen junger Reisender schienen das gleiche Ziel zu haben. Unwillkürlich zogen wir die Schrittgeschwindigkeit etwas an, was bei mir zu einer gratis Eigendusche führte und bei Nele zu einem hochroten Kopf, nur Marcus hatte die Ruhe weg und hörte weiter Gedichte auf seinem iPod. Dennoch kamen wir gleichzeitig mit einer 30-köpfigen Mädchenpfadfindertruppe an. Unterdessen hatte es angefangen zu regnen. „Naja egal“, dachten wir uns, „wir sind ja gleich im Hostel“. Das waren wir auch, wir hatten Gott sei Dank noch Plätze bekommen. Leider waren wir an ein katholisches Haus geraten, dessen Mitarbeiter bemüht waren, die strikte Hausordnung durchzusetzen. So durften wir unsere Zimmer erst um 17 Uhr aufsuchen, Mädchen und Jungs natürlich getrennt.

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Verona ist wunderschön, da waren wir uns einig! So schön wie Venedig, doch dabei lebendiger! Die engen Gässchen werden von kleinen, schiefen, erdfarbenen Häuschen beschattet und die in der Flussschleife der Adige gelegenen Altstadt ist mit romanischen Basiliken gespickt. Man fühlte sich wirklich wie im Mittelalter, wären da nicht die Gucciläden im Erdgeschoss und knipsende Japaner. Gesäumt von Restaurants jeder Güteklasse erstreckt sich die Piazza Bra von der Portoni della Bra bis zur Arena, ein antikes Amphitheater aus dem ersten Jahrhundert nach Christus, welches für erstaunliche 22 000 Besucher Platz bietet. Die Piazza Bra bildet das Stadtzentrum, wo natürlich ein McDonalds zu finden ist, in dem wir uns an einigen echt italienischen Hamburger gütlich taten. Verzeiht uns diese Sünde! Satt für etwa eine Stunde durchwanderten wir die Piazzi è Vicoli (Straßen und Gässchen), bis wir uns zum Auftrag machten, ein die Stadt überragendes Schloss zu erklimmen. Leider war dies nicht möglich und wir begnügten uns mit der begrünten Stadtmaueranlage in der Nähe des Schlosses, wo ich schließlich doch noch meinen Panoramablick zu photographieren bekam.

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Ich kaufte mir meine erste Flasche Rotwein, einen Bardolino, hatte aber keinen Öffner dabei, trotzdem hatten wir ein gemütliches Abendbrot im Park am Fluss. Später machten Marcus und ich die Bekanntschaft mit zwei Norwegern, die sofort meine Flasche Wein killen wollten. Gesagt getan, der Korken wurde herein gedrückt, der Wein spritzte heraus und alle waren glücklich. Die Norweger waren übrigens unsere Zimmerkollegen und es wäre eine lustige Nacht geworden, hätte die katholische Hausführung um 24 Uhr nicht die Sicherungen herausgedreht.

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