von Philalex89

Mittwoch, den 8. Juli

Am nächsten Morgen verlängerten wir unseren Aufenthalt im Hostel um eine Nacht. So haben wir es übrigens auf der ganzen Reise mit den Übernachtungen gehalten: Erst einmal schauen, ob die Herberge uns gefällt und dann jeden Morgen aufs Neue verlängern. Unser erster ganzer Tag in Verona brach an! Wir fuhren zum Gardasee.

Da wir leider ohne Auto unterwegs waren, nahmen wir den Bus Richtung Garda, auf eine erfrischende Abkühlung nach drei Tagen staubiger Reise hoffend. Unsere Busroute liest sich wie die Weinkarte vom Italiener an der Ecke: An der Valpolicella-Region vorbei, durch Bardolino und am Gardsee entlang. Für 35 Kilometer brauchten wir eineinhalb Stunden, bezahlten dafür aber jeder nur 3,30€ und konnten die gemütlichen Dörfer Venetiens, die sich an wellige Hügel mit Zypressen und Orangenhainen schmiegten, durch die Busfenster bewundern. Zwischen den Endmassiven der Dolomiten und dem industrialisierten Flachland steht dieses Gebiet Italiens sinnbildlich für den Übergang von der Einsamkeit Südtirols zu der Geschäftigkeit der Po-Ebene.

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Nun lag das azurblaue Wasser vor uns und wir fanden unseren Weg zum sauberen Kiesstrand, der am frühen Vormittag noch erfreulich unbevölkert war. Jeder kennt die umständliche Prozedur des Umkleidens unter einem Handtuch. Marcus nahm dieses Ereignis zum Anlass, eine Moraldebatte loszutreten:

Ort: am Gardasee unter einer alten Steineiche Personen: Marcus, ein junger Gelehrter, Philip, ein spitzfindiger Polemiker

Marcus: „Mit einem Arm muss das schwer sein!“

Philip: „Na, und mit einem Bein erst!“

M: „ Du musst dich immer über Behinderte lustig machen.“

P: „ Was??? Du bist hier doch der Meister der Geschmacklosigkeit!“

M: „So ein Quatsch. Mein zweiter Vorname heißt Toleranz und mein dritter Pietät!“

Marcus war die ganze Reise über der Meister der Geschmacklosigkeit. Selbst schuld! Aber das Wasser war herrlich. Das dachte sich auch eine Schwanenfamilie, deren aufgebrachter Vater mich mit Zischen und Flügelschlagen zu verscheuchen suchte. Wie gut, dass ich kraulen gelernt habe, denn er hatte Erfolg! Mittags gönnte ich mir zum Neid der anderen Beiden eine sündhaft teure Lasagne. Aus irgendeinem Grund hatten sie gewettet, dass der jeweils andere es nicht ohne Nahrung bis 20 Uhr am Abend aushalten würde. Zu dieser Last kam ein sich allmählich entwickelnder Sonnenbrand hinzu, der dazu führte, dass wir die nächsten Tage keine Rucksäcke tragen konnten.

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Am späten Nachmittag fuhren wir mit vielen Berufspendlern wieder zum Bahnhof Verona Porta Nuova, genossen die tiefstehende, orangefarbene Sonne über den roten Schindeldächern der Stadt und schauten Straßenkünstlern und ihren Opfern zu.

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Das Hostel brachte eine neue Überraschung: Wir lernten zwei Amerikaner kennen, die jeder für sich Welt- beziehungsweise Europareisen unternahmen, um sich selbst zu finden. Beide waren sich sehr ähnlich. Die beiden Mittdreißiger waren überaus höflich und weltoffen, jung geblieben und typische Kinder unserer Zeit, die es schwierig finden, ihr Lebensziel zu definieren. Während der nächsten Tage lernten wir viel über die ökologischen Raffinessen der Rockymountains und der benachbarten Great Plains, die gesellschaftlichen Umbrüche Chinas und die politischen Probleme Amerikas kennen. Diese Amerikaner sahen die Probleme ihrer Heimat, reisten herum und sahen nur noch weitere Aufgaben. Wir wollten deswegen erstmal ein Bier trinken gehen. Nachdem jeder einen Liter phagozitiert hatte (auch Marcus), fiel uns auf, dass in zehn Minuten die Eisenpforten unseres Klosters schließen würden. Dank christlicher Barmherzigkeit, schafften wir es trotzdem noch in unsere Betten, oder besser gesagt auf einen Nachbarbalkon auf dem uns zwei kiffende Waldorfschüler von der Falschheit der Vorurteile gegenüber Waldorfschülern zu überzeugen versuchten. Sie haben es nicht geschafft.

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