von Philalex89

Freitag, den 10. Juli

Die Oper rückte näher! Am Abend sollte endlich das Warten ein Ende haben. Rucksacktouristen wie wir streben nach ein paar Tagen in die Ferne, egal wohin, egal wie weit, egal in welche Richtung. Wie Hannes Wader richtig erkannt hat, verspürten auch wir dieses Gefühl: „Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort.“ Bologna sollte nach unserem locker skizzierten Plan den nächsten Reiseabschnitt bilden, doch verbrachten wir dort nur eine gemütliche Nacht auf dem Hauptbahnhof. Nachdem wir fünf lange Tage in der außerordentlich schönen Stadt Verona verbracht hatten, nur um auf die Oper zu warten, kauften wir uns Zugtickets für den Nachtzug München-Rom nach Bologna, um von dort mit der Regionalbahn nach Ravenna zu fahren.

Der zweite und letzte Besuch am Gardasee füllte unseren Freitagnachmittag, den wir in einem Örtchen mit dem klangvollen Namen Peschiera verlebten. Im Bus kam ich mit einem alten Italiener ins Gespräch – ein Gemisch aus Englisch, Deutsch und ein paar italienischen Allerweltsvokabeln bildete unsere kommunikative Grundlage -, das für etwas Kurzweil sorgte und durch das ich die verschiedenen Bushaltestellen und Badelokalitäten in Peschiera kennenlernte. „AHHHHH, from Germany! Va bene! Butenbruks! Thomas Mann!“ Da verstand ich sofort und Sympathie für ihn durchdrang mich freudig.

Das Wasser war weder so blau, noch der Strand so lieblich wie in Garda, doch das Städtchen, von maritimer Atmosphäre geprägt, bot samt einem Hafen mit schunkelnden Yachten einen herrlichen Blick über das kräuselnde Wasser zu den steilen Küsten des östlichen Ufers bei Bardolino und Garda. Wir lasen den ganzen Tag. Marcus und Nele vertraten sich einmal die Beine, worauf ich ein weiteres Mal schwimmen ging, immer mit einem Auge die Wertsachen im Blick behaltend.

Nach einem improvisierten Abendbrot mit Käse für drei Euro und fünfzig Cent pro hundert Gramm und noch teurerer Butter unter einer Platane an der Etsch, sicherten wir uns in der Arena die besten Plätze, die man für dreiundzwanzig Euro hätte bekommen können und freuten uns mit tausenden Gleichgesinnten auf Puccinis „Turandot“. Mich quälte der Durst, also entschloss ich mich, bei einem fliegenden Händler eine kleine Dose Cola zu kaufen. Zuerst dachte ich, der Mercante könne wenig Englisch und würde die Zahlen vertauschen, doch er meinte zu meinem Erschrecken wirklich fünf Euro. Es war die beste Cola, die ich in Italien getrunken habe!

Wenn schwere Gewitterwolken die fette, reife Orangensonne durchlassen, und diese ihren gold-gelben Saft auf rot-erdfarbene Schindeldächer des mittelalterlichen Verona ergießt, ist die Kulisse für eine stilvolle Opernaufführung perfekt. Die Stunden zwischen Einlass und Beginn vergingen wie im Flug. Akurat behauene Marmorquader bekamen allmählich die verschiedensten Hinterteile eines internationalen Publikums zu spüren, wie schon vor eintausendneunhundertundeinundvierzig Jahren, als Claudius Kaiser war. Während sich früher die Massen ihrem Sadismus und ihrer kollektiven Nekrophilie hingaben, hört und sieht man hier heute nur Musik, wobei einige kritische Geister sicherlich keinen Unterschied zu damals feststellen wollen. Puccini war unblutig, doch etwas leise, und noch bevor wir die wunderschöne Telekom-Arie „Nessum Dorma“ hören konnten, übte sich das Orchester in hektischem Instrumente Ein- und Auspacken. Denn die Wolken waren nach dem Untergang der Sonne übermütig geworden und taten, was Wolken nun einmal gerne tun.

Als es nach dem ersten Akt schon halb 12 geworden war, machten wir uns Sorgen, ob wir den Zug um drei Uhr morgens überhaupt noch erreichen würden, und verließen das historische Ensemble.

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