von Philalex89

Samstag, den 11. Juli

Eine Stunde später schliefen wir auf breiten Bahnhofsbänken und warteten auf den Drei-Uhr-Nachtzug aus Deutschland, der sich wahrscheinlich gerade den Brennerpass hochschaufelte, das Ziel „Roma Termini“stets vor Augen.

„Genießen Sie bequemes Reisen zu ausgeschlafenen Angeboten. Erleben Sie mit City Night Line die schönsten Städte Europas. Wählen Sie zwischen Komfortkategorien Schlaf-, Liege- und Sitzwagen. Wohlfühlambiente und Weckdienst mit Frühstück ans Bett inklusive.“ Die schönsten Attribute eines modernen Schlafwagens habe ich kursiv hinterlegt, damit möchte ich keineswegs betonen, dass wir in den Genuss dieser gekommen sind. Der Stahlkoloss kam quietschend zu Stand. Eine junge, für diese Uhrzeit sehr dynamische Schaffnerin, sprang von der Plattform und versuchte sich einen Überblick zu verschaffen, während italienische Bahnarbeiter mit der Teilung des Zuges begannen. Wohin der Rest des Zuges weiter fuhr, blieb uns ein Rätsel. Glücklicherweise gab uns die tüchtige Zugbegleiterin, die sich in keiner Weise über Rucksacktouristen zu dieser Uhrzeit wunderte, zu verstehen, dass man Tickets während der Fahrt kaufen könne.


Wir stiegen in den letzten Wagen und fanden uns in einem zehn bis 12 Quadratmeter großen Fahrradabteil wieder, das als Schlafstätte für ein halbes Dutzend anderer Backpacker diente. Die nächsten eineinhalb Stunden wollten wir trotzdem in den Schlaf der Gerechten fallen, doch hinderten uns daran ein sehr konzentriert-langsam arbeitender Schaffner, diesmal italienischer Staatsbürgerschaft, und zwei Mädchen, die unbedingt durchgelassen werden wollten, um die sanitären Anlagen im nächsten Wagen zu benutzen. Nicht nur ich hatte ein Problem, weil ich vor diesem vermeintlichen Durchgang saß, – nein! – die beiden hatten ein viel größeres Probem! Der nächste Wagen existierte nicht. Die Bahnarbeiter hatten ganze Arbeit geleistet. Nun hatte ich die leidliche Aufgabe zwei drängelnden Damen zu erklären, dass hinter dieser Tür, wenn Sie sie überhaupt aufbekämen, ziemlich frische Luft und mit etwas Pech gar der Tod zu finden sei. Ich beschränkte mich auf: „This is the end of the train“. Wir diskutierten eine Minute auf Englisch, bis wir merkten dass wir auch Deutsch reden könnten. Sie stelzten zwischen Beinen und Gepäck zurück und ich blickte noch ein paar Momente nachdenklich auf die fliehenden Stahlbänder im Morgengrau.

Die Stadt der bekanntesten Hackfleischsoße der Welt präsentierte sich verschlafen und verhangen wie wir. Bologna und ihr Bahnhof befanden sich im Tiefschlaf, Obdachlose in der Bahnunterführung nüchterten ihren Vinorausch aus und weder die Bahnhofstoiletten, zu meinem Ärgernis, noch McDonalds, zu Marcus und Neles Bedauern, waren geöffnet. Wir hatten uns entschieden, diese Weltstadt zu überspringen, um über genug Zeit in Florenz und Rom zu verfügen, es wäre sicherlich sehr interessant geworden. Internationales Flair weht dem Reisenden entgegen, auf dem Bahnsteig hört man so viele Sprachen wie in Babylon (ab 6 Uhr war es schon recht voll) und prachtvolle Bauten säumen den Bahnhofsvorplatz. Von den vierhunderttausend Einwohnern studieren achtzigtausend junge Menschen aus aller Welt an der ersten Universität Europas. Knapp zwanzig Jahre nachdem Wilhelm der Eroberer mit seinen Normannen die britische Insel erstürmte, sieben Jahre vor dem ersten Kreuzzug, also zu der Zeit als zu Deutschland noch Mittelmeerstrände gehörten, gab es in Bologna Studenten, die ihrem Professor eifrig zuhörten.

Der erste Regionalzug nach Rimini war noch sehr leer, sodass uns diesmal keiner beim Schlafen störte. In Ravenna stiegen wir aus. Keiner hatte Lust, am Strand von Rimini als Sardine zwischen Deutschen aus dem Ruhrgebiet zu liegen. Ravenna zeigte sich uns als eine aufgeräumte, unaufgeregte Kleinstadt. Trotzdem mussten wir nach dem Weg zum Hostel fragen, das zwanzig Minuten von der Innenstadt und dem Bahnhof entfernt war. Ein plumper Betonklopps entpuppte sich nicht als Parkhaus sondern als unsere Jugendherberge. Wir gingen hinein und waren begeistert! Es erwarteten uns gut gelaunte Empfangsdamen, ein verrückt eingerichteter, ziemlich großer Gemeinschaftsbereich mit Frühstückstheke und – das war das Beste – eine W-Lan-Zone!

Vollkommen fertig schlenderten wir nach dem Check-In durch Ravenna und freuten uns auf die Öffnung der Schlafräume am frühen Nachmittag. Halb betäubt und blinzelnd schauten wir uns das Mausoleum Theoderich des Großen an. Dieser bekannte König der Ostgoten wurde vom Oströmischen Kaiser Zenon beauftragt, seinen quasi Landsmann Odoaker den Westgoten aus Italien zu vertreiben, weil Odoaker 476 nach Christus Rom erobert und damit das Weströmische Reich zerstört hatte. Das gelang ihm ganz gut. (Den Satz kann man auf beide Könige beziehen.) Theoderich wurde nach Odoaker König von Italien, musste aber doch Ravenna zwei Jahre lang belagern, wollte dann nicht in Rom residieren und wählte nach langem Hin und Her Ravenna als Residenz. Die ganze Geschichte ist recht unlogisch. Es ist nicht wirklich zu verstehen welche Völker und Könige mit welchen anderen Stämmen und Päpsten und Kaisern Bündnisse eingingen. Die Beziehungen sind so kompliziert wie in GZSZ und schlimmer. Verglichen mit heute hört sich die Geschichte so an, als ob die USA den Iran beauftragen würde, Afghanistan zu erobern.

Man sollte sich Theoderich und Odoaker als zwei Männer merken, die Rom ziemlich geärgert haben. Wir hielten ein Mittagsschläfchen, aßen zu Abend und erkundeten später die historische Altstadt. Leider hatte ich keine Batterien für meine Kamera.

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