von Philalex89

Sonntag, den 12. Juli

Im Moment befinden sich die drei jungen Reisenden nach einer Woche schon über eintausendzweihundert Kilometer von Syke entfernt in der glühend heißen Provinz Emilia-Romagna. Unbarmherzige fünfzehn Autominuten braucht ein nach Erfrischung lechzender Mensch von Ravenna an die azurblauen Gestade des Mare Adriatico. Kleine Perlen von Schweiß lösen sich an den Schläfen, bahnen sich ihren Weg zum Kinn, fallen gesammelt, glitzernd durch die dicke, drückende, dumpfe Atmosphäre, um dann auf siebzig Grad heißem, abgefahrenem Asphalt ihr kurzes Dasein dampfend zu beenden. Die drei Reisenden unserer Geschichte sind zu Fuß unterwegs, ohne Auto. Das Meer scheint unendlich weit weg, die drei trotzen der Versuchung und schleppen sich zum Bahnhof. Eigentlich haben sie nicht sehr viel von dieser Stadt gesehen, in der Italiens Dichterfürst Dante Alighieri 1321 starb und begraben liegt. Die drei würdigen nicht sein Grab, dessen Bewohner die „Göttliche Komödie“, und damit eine vom Latein unabhängige italienische Schriftsprache, erschaffen hat.

Uns fern, etwa sechstausend Meilen, steiget

Der Mittag auf, indes schon diese Welt

Den Schatten fast zum ebnen Bette neiget,

Wenn nach und nach sich uns der Ost erhellt;

Dann wird der Glanz erst manchem Stern benommen,

Des Strahl nicht mehr bis zu uns niederfällt,

Und wie Aurora mehr emporgeklommen,

Verschließt der Himmel sich von Glanz zu Glanz,

Bis auch des schönsten Sternes Licht verglommen.

(Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie, Dreißigster Gesang)


Die drei Vagabunden sitzen fest. Fest auf dem Bahnhof. Fest auf einem Bahnsteig, fest auf einer Bank, fest im Schatten bei fünfunddreißig Grad. Keiner hat den Streik der italienischen Eisenbahn für möglich gehalten, obwohl er angekündigt war. Über vier Stunden später sitzen sie im Gruppenabteil nach Florenz, die Bilder von flimmernder Luft, die elektrischen Oberleitungen verwischend, über gleißenden Schienen, in Erinnerung. Einer der Drei unterhält sich mit einem Studenten aus Montepulciano, dort sei es schön, nicht nur wegen des Weines. Schon ist der mittlere Appenin überwunden. Eine Vorstadt taucht auf, in der die Drei umsteigen und schwarz zum Hauptbahnhof Firenze Santa Maria Novella fahren, den Massen an Pendlern folgend. Einen Kopfbahnhof haben sie schon in München gesehen, doch Firenze S.M.N, erbaut 1932, übertrifft ersteren an architektonischer Hässlichkeit. Dafür kann die Architektengruppe Gruppo Toscano verantwortlich gemacht werden.

Florenz ist so übersichtlich wie ein Basar in Samarqand, doch mutig schlängeln sich die Drei vorbei an herrlichen Palazzi, durch die Innenstadt, über eine Brücke des Arno zu ihrer kargen Bleibe für die Nacht, in der sie in einem Raum mit neunzehn anderen Gästen schlafen werden. Die Luft steht in der Stadt, und man meint die Zikaden von den grünen Hügeln rings herum zu hören. Die Sänger singen ihre Lieder, begeistern sie und einer ganz besonders. Der abendliche Barde nennt sich Ken Mercer und verweilt schon seit acht Jahren in dieser kunstliebenden Stadt. Kein anderer Bohemien macht ihm seinen Stammplatz unter den Uffizien gleich neben der Piazza della Signora streitig.

Überwältigt vom neuen Duft der Stadt, ihrem Gewusel und Glanz, betäubt von ihrer Schönheit speisen unsere drei Freunde in einem kleinen Restaurant hinter dem Dom. Ein Kellner bedient sie ohne Englisch zu sprechen, singt und pfeift wie Pavarotti und ist die Fröhlichkeit in Person. Der Schein trügt, die Hungrigen bekommen altes Brot zur Vorspeise, das eine zusätzliche Lücke in die Reisekasse schlägt. Die Pasta schmeckt ordentlich und sättigt zufrieden.

Auf der Straße findet das Leben statt, Gelaterias werden von glücklichen Menschen in der Abenddämmerung aufgesucht. Touristen schauen sich die mannigfaltige Ware der fliegenden Händler an und kaufen doch nichts, während die hektischen Gesichter nach Carabinieri-Streifen Ausschau halten, um plötzlich ihr Zeug zu raffen und es in der nächsten Gasse wieder feilzubieten. Einer jungen Dame werden indische Rosen unters Näschen gehalten, der Kavalier neben ihr muss sie abkaufen und hat damit widerwillig eine gute Tat getan. Klimperndes Kleingeld in der Hosentasche wandert klingend in die Hüte der Gitarren- und Akkordeonspieler. Die Drei wandeln staunend und satt durch dieses ewige Treiben und lassen sich auf der Welle ihres Müßiggangs treiben. Die Ponte Vecchio überspannt den Arno und lädt die Gäste zu einem herrlichen Blick über Fluss und Stadt hinüber zu den Hügeln ein. Auf ihr sitzen verträumte Gesichter auf noch warmen Steinen und lauschen der Musik.

Florenz verzaubert, sodass man lässig teure Preise und aufdringliche Bettler vergisst. Und während die Drei fühlen, dass sie ein wichtiges Ziel auf ihrer Reise soeben erreicht haben, werden sie langsam müde. Die Nacht schreitet fort, Luna lächelt leuchtend, Ventilatoren summen umsonst, die Drei wälzen sich schwitzend in weißen Laken und freuen sich auf den morgigen Dombesuch.

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