von Philalex89

Montag, den 13. Juli

Heute wollten wir den mächtigen gotischen Dom Santa Maria del Fiore, dessen Bau um 1296 von Arnolfo di Cambrio begonnen wurde, ansehen. Mit seiner hundertundvierzehn Meter hohen Kuppel Filippo Brunelleschis überragt er die Stadtsilhouette Florentias – wie Gaius Iulius Caesar sie 59 nach Christus nach ihrer Gründung genannt hat – , Fiorenzas – wie Thomas Mann sie nennt – , Florenz‘ – wie die Deutschen sie nennen oder Firenzes – wie sie heute auf italienisch heißt. Im Jahre 1436, also mitten in der Renaissance, wurde dieses wunderschöne Beispiel okzidentaler Architekturkunst geweiht, doch das heutige Aussehen geht auf den Bau der Fassade im neunzehnten Jahrhundert zurück. Zum Dom gehören eine separate Taufkirche, das Baptisterium, ein freistehender Glockenturm, der Kampanile (von italienisch Campana, Glocke), und natürlich das Hauptgebäude. Jeder Teil wurde mit weißem und dunklem Marmor, der sich bei genauerem Betrachten als grün herausstellt, verkleidet. Wen es interessiert: Der Glockenturm ist ein Werk Giotto di Bondones, der als Wegbereiter der Renaissance gilt.

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Ja, ja die Renaissance; früher war es das gefürchteste Wort in Diktaten, dann das schreckerregendste Thema der gymnasialen Oberstufe und nun ein Urlaubsgrund. Alles in Florenz ist Renaissance, so kommt es einem jedenfalls vor. Juhu, das Mittelalter ist überwunden! Wir sterben zwar noch an der Pest, können aber Platon zitieren, ohne geköpft zu werden! Ein kurzes Warten in der hundert Meter langen Menschenschlange ärgerte uns nicht, doch leider war das Innere des Sakralbaus nicht annähernd so beeindruckend wie seine äußeren Werte. Am schönsten fand ich den Fußboden.

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Die güldene Paradiespforte am Baptisterium von Lorenzo Ghiberti lies auf unseren Gesichtern einen fahlen Glanz zurück; oder waren das die vielen japanischen Blitzgeräte? Besteigungen jeder Art waren uns zu teuer. Nur Dummköpfe bezahlen acht Euro, um bei tropischen Temperaturen hunderte Stufen zu erklimmen.

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Schnell waren wir am frühen Mittag mit unserem Pflichtprogramm fertig, morgens hatten wir Kulinarisches aus dem Supermarkt gefrühstückt. Eine Touristeninformation konnte uns keine reservierten Karten verkaufen, stattdessen gab sie reservierte Auskünfte, worauf wir eine improvisierte Museumskasse mitten in der Eigangstür einer Kirche suchen mussten. Ein Pfaffe wollte herein und die arme Frau am Schalter musste ihren ganzen Tresen verschieben. Und siehe da: Ein unsichtbarer Mechanismus lies ihn lautlos wegklappen. Ich habe das Gefühl, dass die Italiener des Öfteren Improvisiertes in Etabliertes verwandeln.

Gut – der Uffizienbesuch war gesichert – und wir reif für eine Siesta. Auf unserem anschließenden Spaziergang suchten wir verkrampft nach schattigen Parks und fanden trotz meiner Kartenkenntnisse nicht einen, bis Marcus in einer langen schmalen Gasse auf die gegenüber der Stadt liegenden toscanischen Hügel deutete und meinte: „Lass und dort die Berge ‚rauf.“ Nachdem solcher Unfug bei jedem von uns ein nervöses Grinsen auf das Gesicht gezaubert hatte, entschlossen wir uns, die Stadt zu durchqueren und die Hügel zu besteigen. Mangels eines größeren Kartenausschnitts vertrauten wir auf die schmalen Bürgersteige einer Bundesstraße. Einen bequemen Fußweg konnten wir nicht ausfindig machen und nach einer Stunde hatten wir auch schon das ein oder andere Stadtende erreicht. Wir schauten in kultivierte Olivenhaine, luxuriöse Hausauffahrten, bewunderten hundert Jahre alte Villen der florentiner Schickeria, bestaunten sanfte Berghänge, die vor Pinien, Zypressen und vertrocknetem Gras nur so trotzten und waren uns einig, dass wir hungrig durstig und müde seien. Der Heimweg war etwas weniger warm, aber umso gefährlicher, da diesmal die Straße keinen Fußweg hatte, gnadenlos von zwei Olivenhain-Schutzmauern begrenzt war und der Feierabendverkehr guten Morgen sagte.

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Die Flaschenpost – Ein kleines Intermezzo

Es war ein junger Mann, der hatte eine Plastikflasche übrig und konnte von sich behaupten, der stolze Besitzer einer E-Mail-Adresse zu sein. Ein fremdes Land, ein fremdes Klima, eine andere Sprache können einsam machen. So machte der Jüngling sich auf – gleich einem Hilfeschrei – seine Kontaktdaten per Flaschenpost in das liebliche Rinnsal namens Arno zu werfen, auf dass er für Umweltverschmutzung belangt würde und ihm Absolution erteilt werde. Doch er war zu schüchtern. Eine blonde Holde nahm sich seiner an und unterstützte ihn bei seinem Vorhaben. Es gelang. Und wenn sie (die Flasche) nicht in den Recyclingkreislauf zurückgeführt wurde, dümpelt sie noch heute.

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Wir taten uns an Döner und Peroni-Bier gütlich, der Autor verbittet sich das Gerücht, er habe zu viel getrunken! Ein Ebenbild Ken Mercers virtuosierte zum Playback auf einer Querflöte. Ken Mercer hatte sich die Haare gewaschen, eine fesche Sonnebrille in die Haare geschoben und sein fleckiges T-Shirt gegen ein Polohemd eingetauscht! Niemand wurde so getäuscht wie wir. Nach einer kleinen Pause löste der wahre Ken seinen Kumpel ab und stimmte das obligatorische „Stairway to Heaven“ an. Weder der Asiate, noch der Südamerikaner, noch der russische Oligarch, noch die Trunkenbolde aus England fühlten sich von diesem wundervollsten aller Gassenhauer genervt, neigten wie jeden Abend verzückt den Kopf und schenkten ihrer Freundin eine indische Rose.


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