von Philalex89

Dienstag, den 14. Juli

Jeden Tag habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, ein paar Bleistiftnotizen in mein altertümliches Büchlein zu schreiben, das auch schon Picasso oder Hemingway mitgeführt haben sollen. Anders könnte ich mich jetzt, eineinhalb Monate nach den Erlebnissen, an keine Details mehr erinnern. Nun will ich versuchen den Tagesablauf dieses Dienstags zu rekapitulieren. Vorher gibt es noch ein Gedicht:

Die Medici sind Ärzte keineswegs

und Dottore heißen hier die Lehrer

doch heilt dieses Landes Sinnlichkeit

der Müden Augen schwere Lieder

Repubblica Italiana zeigt Olivenzweig,

Eichenlaub auf dreierfarb’nen Wappen

und des sel’gen Papstes Heiligkeit

thront in Sankt Peters Schatten

Zypresse, Pinie, Lorbeer

umkränzt der Caesaren Büsten

umspült von thyrrenisch Meer

sie nannten ihren Hafen Ostia

Es sind so viele Menschen

Da Vinci, Dante Petrarca

vergöttern diese großen Meister

andere hängen in der Academia

Lieblich Fluss erquickt manch Geister

heißt er Tiber, Adige, Arno

oder gar

Po

den kennt man sowieso

Gleichnamiger, geformt aus Marmors Härte

steht der antiken, süßen Juno

besser als Jupiters wirre Bärte

nur Venus glänzt noch schöner

Oh wandle doch auf Machiavellis Fährte

oh wär ich doch ein Italiener

fuhr ich auf meiner Vesper

durch Dantes sieben Himmel


Zur Mittagsstunde traten wir durch den Previligierteneingang in die Uffizien ein. Leider muss ich hier weiter ausholen. In Florenz stolpert man unweigerlich über den Namen „Medici“. Die vorerst bürgerliche Familie aus der Gilde der Tuch- und Pelzhändler, der „Arte della Lana“, vergrößerte ihre Macht und ihren Reichtum durch erfolgreichen Textilhandel. Sie unterhielt gute Beziehungen zu der florentinischen Volkspartei, den Popularen und sogar zum Papst. Sogar das moderne Bankwesen soll sie begründetet und laut Wikipedia die europäische Finanzwelt dominiert haben.

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Mit ihrem Geld konnten sie ortsansässige Künstler unterstützen, sie wurde zum Mäzen der florentinischen Kunstwelt. Dieses Mäzenatentum ereignete sich erstmals im vierzehnten Jahrhundert und machte die Meisterwerke der Renaissance und damit diese Epoche erst möglich. Die Maler und Bildhauer mussten sich nicht länger nur auf kirchliche Almosen verlassen und lebten ihre Kreativität frei aus. Cosimo de‘ Medici, „il Vecchio“, der Alte, sollte dem aufmerksamen Geschichtsfeund ein Begriff sein. (Wer denkt hier nicht an den Paten?) Einer der wichtigsten Herrscher war Lorenzo I. De‘ Medici, „il Magnifico“, der Prächtige , dessen dritter Sohn der erste war, der vom Papst geadelt wurde. Die Familie hatte den Aufstieg vom Bürgertum zum Adel geschafft. Erst 1737 starb die Familie aus und regierte bis dahin die Toscana. Wir haben ihr viel zu verdanken.

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Doch wo war ich? Achja, wir stiegen die Treppe zum ersten Stock der Uffizien hoch. Klingt Uffizien ein bisschen wie das englische „Office“? Stimmt! Gleich neben ihrem Palazzo Vecchio, dem heutigen Rathaus an der Piazza della Signora, bauten die Medici einen großen Verwaltungsapparat samt privater Kunstgallerie auf. „Die Kunst ist lang! Und kurz ist unser Leben.“ Zu kurz waren die Büros (Uffizi) und zu lang die Botticellis. Kuzerhand wurden die gesamten Uffizien zu einer Gallerie erklärt.

Antike Plastiken, mit denen man sich die ersten eineinhalb Stunden beschäftigen kann, säumen die Treppenaufgänge und Flure. Einen großen Bereich nimmt geitliche Kunst in Anspruch. Triptychen und leidende Corpus jeder Farbe, Form und Größe schillern von den Wänden herunter, und das in einer Zahl, dass man alle Kirchen eines mittleren süddeutschen Landkreises ausstatten könnte.

Die Malerei und Bildhauerei der Renaissance bildet natürlich den Schwerpunkt der Gallerie. Ausgestellt sind unter vielen anderen: Giovanni Bellini, Sandro Botticelli, Pieter Brueghel der Ältere, Albrecht Dürer, Giorgione, Raffael,Tizian, Giorgio Vasari, Paolo Veronese und die Vater-und-Sohn-Meister Lucas Cranach der Ältere, Lucas Cranach der Jüngere und Filippo Lippi und Filippino Lippi. Der zweite Flügel, den wir nicht so spannend fanden, beschäftigt sich mit jüngerer Malerei bis zum achtzehnten Jahrhundert.

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Wieder zu Hause im Hostel kochten wir uns selbst Pasta und hielten Mittagsruhe, worauf wir zum Bahnhof liefen und Tickets nach Castiglione dell Lago am trasimenischen See erstanden, denn es sollte der letzte Abend in Florenz sein. Leicht wehmütig erstiegen wir in der einsetzenden Dämmerung einen Hügel und wurden mit einem Panorama über Florenz und die Toscana belohnt, das man im Leben nicht mehr vergessen wird. Die Sonne tunkte alles in einen orangegelben Sirup, der langsam über die nach hinten verschwimmenden Hügelkämme floss. Der gleißende Arno wurde zur goldenen Schärpe, die sich um Fiorenzas Brust strafft. Je weiter der Abend voranschritt, desto mehr löste ein Blauviolett das vorherrschende Orange ab, das sich in den allmählich in der Stadtbeleuchtung wiederfand und mit einem tiefen Lila komplementierte. Die untergegangene Sonne tuschte Hügelwellen violett auf japanisches Papier.

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Gestört wurde die Idylle durch eine Touristin, die ihre offene Flasche Rotwein über die Auslagen eines Farbsprühkünstlers kippte. Ich erinnere mich außerdem an die Bekanntschaft mehrerer Schildkröten in einem Bassin unterhalb des Hügels. Alles in Allem war der Abend ein würdiger Abschluss dieser Stadterfahrung.

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