von Philalex89

Mittwoch, den 15. Juli

Mit einer gehörigen Portion Fernweh im Herzen, machten wir uns am Vormittag zum Bahnhof Firenze Santa Maria Novella auf, um Florenz zu verabschieden. Wir würden die Herberge der letzten Tage vermissen. In einem riesigen, aber doch verwinkelt-urigen Altbau konnte man zwischen etwa zehn verschieden großen Schlafsälen auswählen. Enge, gewundene Treppen, weiß-getünchte gotische Deckengewölbe und durch vier oder fünf Stufen erhöhte Zwischengeschosse ließen den Eindruck einer mittelalterlichen Festungsanlage aufkommen. Von Außen vollkommen unauffällig, müssen im Gegensatz dazu im Inneren mehrere Gebäude und Stockwerke kühn verbunden worden sein, sodass man in den Gängen sofort die Orientierung verlor. Ein dunkler, rustikaler Empfangstresen dominierte zusammen mit einer steilen Holztreppe den Eingangsbereich, von dem ein schmaler Gang zur Küche samt Gepäckablage führte. Hinter der Küche befand sich ein großer Speisesaal, der sofort Assoziationen eines alten Kerkers aufkommen ließ. Die hohen, uralten Gewölbe wurden gemütlich mit indirektem Licht angestrahlt, während die Computer-Ecke in der Küche götzengleich den Haupttreffpunkt bildete .

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Die etwa 120 Kilometer nach Castiglione del Lago am trasimenischen See vergingen wie im Flug, auch wenn die tropfende Klimaanlage der Regionalbahn die Platzwahl etwas erschwerte. Im Gegensatz zu Deutschland bietet Italien Aircondition in kleinen Zügen an! Der ein oder andere feuchte Sitz sei also verziehen. Das war also die italienische Provinz (Caesar möge mir diesen Ausdruck verzeihen). Wir fühlten uns wie im texanischen El Paso von der Postkutsche gestoßen. Gleißende Sonne im Zenit, wenige Bäume, ein unbemannter Bahnhof, unbefahrene glühende Straßen, keine Menschenseele, schlechte Beschilderung und ein Saloon – äh – Cafè, wegen der Siesta geschlossen, boten sich uns freudig an. Zusammen hatten wir circa fünfzig Kilogramm auf dem Rücken, wenn man das Wasser, Souvenirs und sonstige Vorräte einrechnet. Anhand der Italienkarte fanden wir heraus, wo wir uns im Bezug zur Lage des Sees befanden, an dem der Campingplatz schon wartete. Altes Pfadfinderwissen wie zum Beispiel Einnorden und Wiederfinden von markanter Infrastruktur auf der Karte waren uns dabei behilflich.

Vier Kilometer später und einige Liter Schweiß weniger meldeten wir uns an und sprangen nach dem Zeltaufbau gleich ins Wasser. Sprangen? Davon kann nicht die Rede sein, denn fünfzig Meter vom Ufer entfernt watete man noch immer in mit Algen und Mückenlarven durchsetztem Sud. Wegen dieser heißen Schlammbadewanne waren also die Campingplatzpreise so niedrig! Der Baedeker schreibt Folgendes: „Rund zwanzig Kilometer von Perugia liegt in einer sanften Hügellandschaft der Lago Trasimeno umgeben von Stränden und Campingplätzen. Segeln, Surfen und Angeln, Wandern und Radfahren stehen hoch im Kurs, die Restaurant-Speisekarten der umliegenden Dörfer verzeichnen leckere Fischgerichte. Leider lässt die Wasserqualität zu wünschen übrig – das Baden ist kein reines Vergnügen.“

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Ich wusste gar nicht, dass man Aktien der Tätigkeiten „Segeln, Surfen und Angeln, Wandern und Radfahren“ erwerben kann. Herzlichen Glückwunsch – trotz Finanzkrise „stehen [sie] hoch im Kurs“! Angesichts des Kalauers vom „reinen Vergnügen“ bezüglich der Wasserqualität falle ich vor Lachen fast vom Stuhl. Mannomann, sind die Autoren vom Baedeker heute wieder gewitzt.

Abends stiegen wir in die Altstadt des 13000 Einwohner großen Castiglione herauf, kauften bei einer alten freundlichen Delikatessenverkäuferin einen Vino regionale und schauten über den See in die Abendsonne. Während Marcus und ich Mundharmonika übten war die Mückenplage am nächsten Tag schon absehbar. Aller Vernunft zum Trotz übernachtete ich unter freiem Himmel.

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