von Philalex89

Donnerstag, den 16. Juli

Heute wollten wir uns die Sonne auf den Bauch scheinen lassen und nur in äußerster Not eine Abkühlung im See wagen. Endlich warf ich die leere Propanflasche, die uns in Kufstein im Stich gelassen hatte, weg und kaufte zwecks geplanter warmer Tortellonizubereitung eine gefüllte. Mit Freuden waren wir morgens im nahen Lidl gewesen und hatten uns für die nächsten Tage mit Vorrat eingedeckt. Schnurstracks sicherten wir uns ein schattiges Plätzchen, freuten uns über das tolle Panorama und ließen uns von einem eintreffenden niederländischen Ehepaar, das einen Platz gleich neben uns zugewiesen bekommen hatte, nicht irritieren. Die Holländer waren im Böse-Herübergucken geübt, das merkten wir sofort, doch war dies nur unser Tagesliegeplatz. Sie ignorierend pochten wir heimlich auf unser Gewohnheitsrecht. Zum zweiten und letztem Mal wagte ich mich ins Wasser, beschloss dann aber, dass ich den See lieber lesend und schlafend genießen wollte. Vielleicht gibt dieses Gedicht die Stimmung am See wider:

Helle Hitze, heißer Sand

schnelles Schwirren schwängert Lüfte

Kecke Mückchen unerkannt

fliegen durch des Sommers Lüfte

Der Horizont, so flirrend klar

vertuscht die Sicht ins Ungewisse

Fühlte mich Eden nie so nah

wenn mich Chronos dem Orte nicht entrisse!

Und des Zephyrs sanfte Hand

kräuselt Wasser grünlich Bläue

Phöbus‘ Wagen gerät in Brand

lenkt er ihn jeden Tag aufs Neue


Im Zenit der bleichen Sonne

braune Leiber sich erquicken

Ich lieg‘ im Gras mit großer Wonne

will Gedanken zu Dir schicken

Wir stellten uns abenteuerlich an, als wir ein Kilo gefüllte Teigtaschen in den kleinen Topf pressten und auf dem sparsamen Gasflämmchen erhitzten. Nach erfogreichem Kochen fügten wir einfach Schlagsahne und einen Gemüsebrühwürfel hinzu – es war die leckerste Mahlzeit unserer ganzen Tour! Uns war schlecht.

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Dieser Ort heißt übersetzt „Burg am See“. Unseren Vorfahren muss diese Festungsanlage dermaßen gewaltig erschienen haben, dass eine sachliche Bezeichnung als Eigenname etabliert wurde. Am äußersten Ende der steilen Landzunge steht ein neununddreißig Meter hoher Bergfried, also der Hauptturm einer Burg. Zur Zeit des sechsten Kreuzzuges, als das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ von Flandern bis Litauen, von Dänemark bis in die Toscana reichte, errichtete der deutsche Kaiser Friedrich der II. an dieser Stelle die Befestigung Castello del Leone, das zu den größten Wehranlagen Europas zählt. Noch heute umgibt eine lange Mauer die gesamte auf dem Hügel gelegene Altstadt und den Bergfried. Will ich meinen Geschichtsatlanten glauben schenken, gehörte dieses Gebiet im Umkreis von Perugia zum reichsunabhängigen römischen Kirchenstaat. Wie konnte Friedrich dort eine Burg bauen? Er stand doch mit dem Papst auf Kriegsfuß, wie fast alle anderen Herrscher in der tausendjährigen Geschichte des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“.

Abends sollte ein Folkkonzert gegeben werden. Wir wussten nicht wo, und fragten eine desorientierte Kellnerin, die gleich ihren englichsprechenden Kollegen zu Hilfe holte. Ah, im ehemaligen Burghof gab es so etwas wie ein Theater. Die wunderschöne, langgestreckte Altstadt mit ihren schmalen Gässchen, bunten Häusern und malerischen Ausblicken genossen wir sehr und lenkten unsere Schritte langsam zum Castello. Mit dem Konzert zollte eine Schüler- oder Studentengruppe dem beliebten italienischen Liedermacher Fabrizio Cristiano De André Tribut. Leider waren die politisch-satirischen Lieder nicht zu verstehen und die Qualität der Musik wurde durch den grausigen Klang der Lautsprecheranlage herabgesetzt. Marcus freute sich sehr, denn er fühlte sich an Reinhard Mey erinnert. Neben den normalen Instrumenten einer Popband wurden eine Harfe, ein Akkordeon, eine Querflöte, die Violine und eine spanische Gitarre gespielt. Die einfachen Akkordstrukturen der Lagerfeuerlieder wurden durch ihr kompliziertes Arrangement von fast zwanzig Musikern aufgewertet.

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Was kann ich von diesem Tag noch erzählen? Ich schlief diesmal im Zelt und ertrug die Ofentemperaturen unter der Zeltplane. Draußen hatte ein Höllenlärm, als hätte Kerberos persönlich angefangen zu bellen, begonnen. Auf dem ganzen See schwammen die Häute der geschlüpften Mücken und tummelten sich nun in Scharen von Abermilliarden in der Luft. „Wir leben! Wir können fliegen! Wir können sogar stechen! Juhu!“ Die Zeltplatzleitung hatte schriftlich eine insektizide Maßnahme angekündigt, die für fünf Uhr morgens des nächsten Tages anberaumt war. Der Enthusiasmus der Mücken würde also nur noch ein paar Stunden andauern.

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