von Philalex89

Freitag, den 17. Juli

Der gute alte Goethe hat mehr als siebenhundert Seiten über Italien geschrieben, der Region um Perugia widmete er nur einen Absatz: „Ich verließ Perugia an einem herrlichen Morgen und fühlte die Seligkeit, wieder allein zu sein. Die Lage der Stadt ist schön, der Anblick des Sees höchst erfreulich. Ich habe mir die Bilder wohl eingedrückt. Der Weg ging erst hinab, dann in einem frohen, an beiden Seiten in Ferne von Hügeln eingefaßten Tale hin, endlich sah ich Assisi liegen.“ Goethe, Italienische Reise, Den 25. abends. Perugia

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Wie schön, dass der See damals anscheinend nicht eutrophiert war. Da hatte der Dichterfürst aber Glück. Ich frage mich, ob die Menschen zu seiner Zeit Schwimmen gegangen sind. Vielleicht ist Johann Wolfgang von selbst ins Wasser gehoppst. Man weiß es nicht.

Da der See nicht gerade die Wucht war, beschlossen wir, Perugia anzuschauen und ahnten nichts Böses. Am Bahnhof trafen wir einen südländisch aussehenden jungen Mann, der mit seiner Freundin gleichzeitig mit uns angekommen war und beharrlich in einer Hängematte vor seinem Einmannzelt auf seiner Reisegitarre geklampft hatte. Wieder unterhielt man sich auf englisch, wieder hörte man nach ein paar Sekunden den teutonischen Unterton, wieder war es ein Österreicher. Daniel und Lillit, ja so hießen die beiden, studier(t)en in Wien und waren nur wegen des Jazzfestivals hierher gekommen. Ich horchte auf, Marcus horchte auf, Nele wunderte sich, warum wir aufhorchten. Von ihnen bekamen wir wichtige Informationen. Nein, es gebe keinen Fahrscheinautomaten, man müsse diese bei dem Saloon – äh – Cafè kaufen. Nein, es gebe keine Direktverbindung nach Perugia, man müsse in einem Zickzackkurs um den Lago herumfahren, inklusive einer Stunde Wartezeit in Terontola, das wir gleich in Tarantula umtauften.

Zusammen machten wir uns auf den Weg, beäugten uns noch etwas fremd, schlossen aber im Laufe des Tages schnell Freundschaft. In Perugia fand wie jedes Jahr seit 1973 das Umbria Jazzfestival statt, das, wie wir später erfuhren, eines der wichtigsten europäischen Jazzfestivals ist. Daniel meinte, am Sonntag würde B. B. King auftreten. Mein Puls war sofort auf 180! Und heute spiele George Benson. Das sagte er so locker flockig heraus als wäre Nichts dabei. Wir fuhren mit dem Bus bis hinauf zur Altstadt, die von der Struktur der Castiglione del Lagos gleicht. Ein etruskischer Stamm hatte in vorantiker Zeit den Zwischenraum zwischen zwei Hügeln mit Schutt und Erde aufgefüllt und sich dort niedergelassen. Heute noch thront die Altstadt sattelartig über Umbrien.

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Es war ein Trubel, ein Treiben, ein Feiern auf der Straße! Vor einer wunderschönen historischen Kulisse zogen Marching Bands über die Hauptstraße und auf zwei kostenlosen Hauptbühnen traten schon seit vormittags Soul-, Blues- und Funkbands auf. Echte Jazzbands im eigentlichen Sinne habe ich auf den öffentlichen Bühnen nicht gehört, macht aber nichts. Wir tranken einen kleinen starken Kaffee in einem alten Theater und trennten uns dann von Daniel und Lillit. Nun mussten Marcus und ich überlegen, ob wir George Benson heute Abend auf der großen Bühne erleben, und damit erst den Zug am nächsten Morgen nehmen könnten, oder ob wir schon um 20 Uhr mit den anderen zurück fahren wollten. Wir entschieden und für George Benson und verbrachten den Nachmittag in der Altstadt. Auf einem Palmen geschmückten Platz am Rand des Hügels, der von einer kunstvollen Balustrade umrundet und zwischen zwei Hotels aus dem vorherigen Jahrhundert gelegen war, hatte man eine kleine Bühne aufgebaut, wo wir der Musik lauschen konnten. Von hier hatte man eine köstliche Aussicht auf die immerhin 150000 Einwohner umfassende Stadt und das malerische Hinterland.

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Nele fuhr mit den beiden Anderen zurück, Marcus und ich kauften für jeweils lächerliche siebzehn Euro Karten und sicherten uns an der arena-artig angelegten Hauptbühne die besten Plätze. Dass wir noch zweieinhalb Stunden warten mussten, machte uns überhaupt nichts, wir saßen auf warmen Steinen, genossen den Duft Italiens und philosophierten. George Benson kam als Mann mit einem unglaublichen Charisma als Letzter auf die Bühne, ließ sich feiern und wirkte gelassen und sympathisch. Ich muss zugeben, dass ich bis dato nur den Namen, aber nicht seine Musik, gekannt hatte. Band und Streichorchester setzten ein, er spielten den ersten Ton auf seiner Signatur-Jazzgitarre und ich hatte Tränen in den Augen. Noch nie hat mich ein Musiker so schnell, so intensiv berührt. Ich wusste sofort, dass wir uns einer Jahrhundertlegende gegenüber befanden. In der ersten Hälfte seines Konzerts würdigte er Nat King Cole, der in den fünfziger Jahren mit Jazzschnulzen bekannt geworden war. Als der Bluesklassiker „Route 66“ angestimmt wurde, freuten wir uns schon, dass es endlich mal etwas flotter zuging. Bekanntere Titel von Cole waren „Ramblin’ Rose“, „Nature Boy“ und „Autumn Leaves“. Benson überzeugte mit einer perfekten, doch rauchigen, mal sanften und immer voluminösen Jazzstimme. Ich hatte nicht nur den besten Gitarristen meines Lebens vor mir, sondern auch noch den besten Sänger. Später kam sogar Freddie Cole, der Bruder des verstorbenen Nat King, auf die Bühne, um ein Duett mit Benson zu singen.

Nun passierte etwas völlig überraschendes: Das Streichorchester schlich sich von der Bühne, ihr Conductor setzte sich locker an den Flügel, von dem er vorher mit klassisch angehauchten Bewegungen dirigiert hatte und George Benson ließ eine funky-groovende Hand über seine Saiten flitzen. Der Partyteil der Show hatte begonnen. Keiner der prüden Jazzhörer im teuren Parkett traute sich, sich zu bewegen, alle waren wie geschockt. Da meinte George Benson auf einmal: „Hey guys! You are allowed to dance!“ Und jetzt passierte etwas, was ich nicht vergessen werde. Die fünftausend Zuhörer sprangen auf, stürzten zur Bühne und alles begann ausgelassen zu tanzen. Ich hatte eine Gänsehaut, Begeisterung überwältigte Marcus und mich. George Benson muss man als einen Musiker beschreiben, der die Stimme eines Ray Charles, den Entertainer eines James Brown und die Musikalität eines Stevie Wonder in einer Person vereint. Ohne Worte, nur genial.

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Extrem enthusiastisch verließen wir die große Arena, tanzten noch zu Bobby Johnsons Funk-and-Soul-Band in der Altstadt, erlebten das ausgelassene Feiern des überraschend jungen Publikums und stiegen am frühen Morgen die Altstadt zum Bahnhof herab. Bis in den Morgen schob sich die Menge durch mittelalterliche Sträßchen zu den Tanzplätzen vor den Bühnen. Ein unvergleichliches Erlebnis und für mich der Höhepunkt der gesamten Reise. Italienische Lebensfreude, kombiniert mit einer wunderschönen alten Stadtkulisse, warmes mediterranes Klima und die beste Jazzshow der Welt durften wir an einem Abend genießen.

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