von Philalex89

Sonnabend, den 18. Juli

Der Samstag war angebrochen, doch Marcus und ich sollten erst in neun Stunden erholsamen Schlaf finden. Italienische Jugendliche und junge Erwachsene saßen noch Stunden nach Abklingen der letzten Konzerte auf der Piazza IV. Novembre und der Treppe des Palazzo dei Priori, des alten Versammlungsgebäudes des mittelalterlichen Perugia und heute wichtigstes Bauwerk der Stadt. Entgegen unserer Erwartung tranken die Italiener Bier in Massen, wo war die hochgerühmte Esskultur der Antipastiplatten und schweren Rotweine geblieben? Betrunkene pinkelten in mit Motorrollern zugeparkten Hausnischen, die Stimmung drohte ins vulgäre zu kippen und da es bereits drei Uhr geschlagen hatte, stiefelten wir die Serpentinen der Viale Indipendenza hinunter. Da wir mit dem Bus gekommen waren, gingen wir auf gut Dünken Richtung Bahnhof, schlichen uns durch dunkle Parks und hofften, dass die Zeit schnell vergehen möge. Der Bahnhof solle erst um fünf geöffnet werden. Na gut, dachten wir uns, setzen wir uns einfach noch eineinhalb Stunden an den vorgelagerten Omnibusbahnhof. Marcus schlief ein, während immer wieder pöbelnde Feiernde hupend vorbeifuhren.


Um fünf verlegten wir unsere improvisierte Schlafstätte in den Wartesaal, denn es war inzwischen empfindlich kalt geworden, schätzungsweise an die dreiundzwanzig Grad, man bedenke die fröstelnde Differenz zu fünfunddreißig Grad. Um sechs sollte der Zug abfahren, er fuhr um zwanzig vor sieben. An Verspätungen aller Art hatten wir uns schon gewöhnt, um neun sanken wir endlich in unser Zelt und verschliefen den ganzen Vormittag.

Der Nachmittag bedarf keiner Erwähnung. Lesen, Dösen und Trotellonikochen war unser Hauptanliegen. Für den nächsten Tag hatten sich Malte und Indy angekündigt, die Nachrücker, die aufgrund ihrer Studiumsaktivitäten erst in der letzten Woche kommen konnten. In einem Gewaltmarsch von dreißig ununterbrochenen Stunden schafften sie es, von Syke nach Castiglione nur mit Regionalzügen zu fahren.

Zur Abenddämmerung besuchten wir mit Lillit und Daniel einen Krämermarkt, der sich um dir ganze Landzunge Castigliones erstreckte und viele lokale Konsumenten anlockte. Statt eines typischen italienischen Handwerker oder Lebensmittelmarkt trafen wir auf etliche gleich strukturierte und -aussehende Stände mit Verkäufern asiatischer oder arabischer Herkunft. Jeder Mercator ließ seinen eigenen Generator brummen, um grelle, ungemütliche Neonröhren zu befeuern, die alles in ein bläulich-kaltes Licht tauchten. Das war das Gegenteil von meiner Vorstellung von mit Fackeln beleuchteten Schinken- und Olivenständen, die ich erwartet hatte. Wir nahmen es gelassen und lachten über den feilgebotenen Schrott. Eine kleine Auswahl des Angebots: gefälschte Ware bestehend aus Rolex-, Gucci- und Dolce und Gabana-Imitaten, elektrische Mückenfänger in Form von Tennisschlägern, die die getroffenen Tiere mit einem Schlag zerbrutzeln ließen, billige Spielzeugwaffen wie bunte Maschinengewehre mit Gummikugeln, Ritterrüstungen aus Plastik für Liliputaner, Stände mit überwiegend in der Modefarbe Flieder gehaltenen billigen Kleidern, Indianer, die schwarze T-Shirts mit Adler- und Wolfsmotiven sowie Panflöten anboten (ich dachte, das wäre 1995 schon aus der Mode gewesen) und ein Wust von Schmuck aus Leichtmetall.

Wir gönnten uns ein sündhaft teures Bier, planten den kommenden Tag und verzogen uns dann auf den Zeltplatz.

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