von Philalex89

Sonntag, den 19. Juli

Diesen Tag kann ich nur aus meiner Sicht erzählen, da ich um halb elf Uhr morgens mit Daniel und Lillit nach Perugia gefahren bin. Wir wollten den letzten Tag des Jazzfests mit zwei Konzerten abrunden. Nachmittags sollte der weltbekannte Gitarrist John Scofield im Theatro Morlacchi aufspielen und am Abend gab sich der Elefant der Bluesmusik, B. B. King, in der großen Arena die Ehre.

DSCN2153

In Perugia machten Daniel und ich, was Jungs machen, wenn sie richtig feiern wollen: Wir deckten uns mit einem Vorrat billigen Bieres für den Tag ein. Wir ließen uns beim Kartenschalter auf eine Liste für John Scofield schreiben, da er schon ausverkauft war und rückten mit der Zeit, weil andere wieder absprangen, an die erste Stelle. Zehn Minuten vor dem Konzert wurden wir aufgerufen und konnten Tickets zum regulären Preis für eine freigewordene Loge erstehen. Oben in der Loge gingen uns angesichts des wunderschönen Theaters die Augen über. Der Innenraum präsentierte sich im überschwänglichen Stil des Barock, einschließlich goldener Stuckdecken, Wandverzierungen mit Putten und anderen Plastiken und mit rotem Samt bezogenen schwere Sessel.

John Scofield begeisterte uns nicht übermäßig mit seiner Gospelband. Laut Daniel hätte er den Zenit seines künstlerischen Schaffens schon überschritten und er klang stellenweise etwas lahm. Meine Karte für B. B. King hatte ich mir übrigens vorher schon gesichert. Ich schaute wohl so leidend drein, dass die Dame am Schalter mit ihrem Chef sprach und mir eine Karte des ausverkauften Konzerts zukommen ließ. Ein deutscher Bürokrat hätte sich in dieser Situation wohl in seinem Sadismus gewälzt. Glücklicherweise war dies Italien!

DSCN2151

Wir trafen auf zwei Freunde Daniel und Lillits, Dano aus Pisa und Siri aus Schweden und schon war es Zeit, das nächste Konzert anzusteuern. Der „King of the Blues“ wurde mit seinen unglaublichen dreiundachtzig Jahren fast auf die Bühne getragen und sein zweiter Gitarrist hängte ihm seine weltberühmte Gitarre „Lucille“ um. In den fünfziger Jahren spielte er in einem Club, der mit einem offenen Feuer in einer Tonne beheizt wurde. Als eine Prügelei zwischen zwei Jungen Männern, die sich um eine Frau stritten, ausbrach, stießen sie die Tonne um und der ganze Club fing Feuer. Alle retteten sich nach draußen, so auch der „Blues Boy“ B. B. Als ihm aufgefallen war, dass er seine Gitarre, eine Gibson ES-335, auf der Bühne vergessen hatte, riskierte er sein Leben und holte das Instrument aus den Flammen. Seit diesem Ereignis nannte er alle seine Gitarren nach der Frau, um die gestritten wurde, „Lucille“. Heute wird sie tausendfach von der Firma Gibson nachgebaut und für 2400 Euro an den normalsterblichen Gitarristen verkauft.

Mit einem grandiosem Ton, der in den meisten Gitarrenbüchern analysiert und gelehrt wird, und einem ausgesprochenen Charme vertuschte er einige altersbedingte Spielschwächen. Mit seinen zwei Ehen, aus denen fünfzehn Kinder hervorgingen, kann er als der Djingis Khan der Popmusik genannt werden. Seine Machosprüche als greiser Schwerenöter kamen unglaublich lustig beim Publikum an. Nachdem er zusammen mit den Hörern „Oh When The Saints“ gesungen und seinen Hit „The Thrill Is Gone“ gespielt hatte verabschiedete er sich, gab noch ein paar Autogramme und ließ glückliche Menschen zurück, von denen viele ihren Lebenstraum verwirklicht hatten. Sogar die Plätze vor der Arena waren voll mit Menschen, die sich gegen die Absperrungszäune drückten.

Gott sei Dank waren Dano und Siri mit dem Auto da, einem alten viersitzigen Cinquecento. Wir machten uns schon Sorgen, ob wir nicht zufällig zu fünft im Auto von der Polizei angehalten werden könnten. Bis zwei Uhr ließen wir den Abend auf einer Panoramaterrasse der Altstadt ausklingen und suchten uns dann den Weg zurück nach Castiglione. Da Dano wie Jesus aussah, dachte ich, dass wir sicher und gut ankommen werden. Braungebrannt, mit zotteligen langen Haaren, einem langen Bart, kaputten Latschen und Walleklamotten, leicht eingefallenen, weltoffenen Augen machte er wohl auf jeden Menschen diesen Eindruck. Neugierig schaute ich auf seine Hände und Füße, doch die Stigmata hatte er wohl geschminkt.

In einem Kreisel vor Castiglione wurden wir von einer Straßensperre der Carabinieri aufgehalten. Sie leuchteten ins Auto und fragten nach unserem Ziel. Sofort fingen wir in allen und bekannten Sprachen an zu sabbeln, Dano, der waschechte Italienier ließ ein paar Mal „touristico“ fallen und wir wurden durchgewinkt. Immerhin hatten wir fünf Sprachen zur Auswahl: Deutsch, Schwedisch, Italienisch, Englisch und Spanisch (Daniels Vater ist Spanier). Als wollten wir unser Glück aufs Spiel setzen, drehten wir eine Ehrenrunde im Kreisel, wurden aber nicht dafür behelligt und erreichten den Campingplatz.

DSCN2149

Advertisements