von Philalex89

Schreiben muss man üben. Nein – man muss es erst lernen. Mühsam lateinische Lettern inhaltslos aneinanderfügen, bis sich die komplizierten Sehnen und Muskeln der Kinderhand an den Stift gewöhnt haben. Arabische Zahlen, Zeichensetzung, Grammatik und die Syntax — alles schwere Klopper, und wer kann schon sagen, er beherrsche sie perfekt? Wenn man die Sprache beherrscht, kann man dann schreiben? Manche sagen: „Er hat Talent“ oder „Das ist sein Ding“. Wie meinen sie das? Man nehme an, jemand möchte seine prosaische Ausdruckskraft trainieren:

Ein Mann geht über die Straße. Er schaut sich unsicher um, den Kragen hochgeklappt, tritt die niedrige Gartentür auf. Die Haustür ist angelehnt, er geht hinein, zieht etwas Längliches aus seinem weiten Ärmel und hört die Frau in der Küche wirtschaften…“

HALT! So geht es nicht weiter. Wo bleibt der blumige Erzählton? Das Leben? Die Phantasie? Das ist doch keine Bedienungsanleitung!

Karl-Heinz Romanowski hatte noch nie vor Entscheidungen gezögert. So ein Typ war er nicht. Auch an diesem spät-winterlichen Regentag hatte er eine Entscheidung getroffen. Der helle Mantel saß gut auf seinen breiten Schultern, mit seinen Lederschuhen trat er kleine Schneereste platt. Erbarmungslos. Sein stetiger Atem verfing sich im dunklen Schnurrbart, während er seinen Kragen fester in den Nacken zog. Gepflegte Vorgärten zogen vorbei. Schnellen, aber bestimmten Schrittes ging er die Straße hinunter, blieb stehen, schaute einmal nach links, einmal nach rechts und stieß mit dem Fuß ein grünes, zierliches Gartentürchen auf. An dieser Stelle war die Farbe schon geplatzt. Was die Nachbarn darüber dachten, war ihm jetzt egal. Verächtlich spuckte er über den Zaun. Die sollen mal sehen; die und ihre gestutzten Buchsbaumhecken!

Die Tür war nur angelehnt, wie immer. Seine Frau war einfach zu… Aber das sollte ein Ende haben.“

Stopp! So geht das nicht weiter. Das ist doch kein Schimanski-Krimi! Was ist mit dem Inhalt? Und zweimal hintereinander das Verb „ziehen“. Zog, zogen, zog, zogen. Da bekommt der Leser ja einen Lippenkrampf! „Schnellen, aber bestimmten Schrittes…“ Was soll das denn!? Passt da nicht besser ein „und“? Sind schnelle Schritte normalerweise etwa nicht bestimmt? Und am Ende sind wohl die Ideen ausgegangen, was? Nochmal:

Das Leder des 7er-BMWs war kühl. Sowas fiel Gonzo nicht auf, er war darauf trainiert, nicht auf seine Gefühle zu achten. Seine Mutter: Eine Hure in Tokio, sein Vater: Offizier einer russischen U-Boot-Staffel. Gefallen bei einem Standardmanöver. Ausgerutscht, Schädelbasisbruch. Soldatenbegräbnis. Und er? Aufgewachsen im Sumpf von Amsterdam, mit 15 jüngster Dealer am Platz, mit 18 Champion der illegalen Faustkämpfe, mit 19 erster Raubmord, mit 20 ein fester Job bei seinem jetzigen Chef.

Die Frau eines gewissen Bänkers, Ronkowski oder Romanowski, hatte hinter dem Rücken ihres Mannes milliardenschwere Wertpapiere an sich gebracht. So etwas sah Gonzos Chef überhaupt nicht gern. Also war er in diese deutsche Kleinstadt geschickt worden. Es war für ihn fast wie Urlaub, nicht immer das gleiche Cityhopping, heute Rom, morgen Warschau, übermorgen Belfast. Auch die Auftragskillerbranche litt schwer unter der Finanzkrise, weder Überstunden wurden bezahlt, noch gab es höhere Spesen für Ziele außerhalb Europas. Seine Kollegen nannten ihn den „Silencer“, als einziges Arbeitsinstrument führte er ein langes Messer mit sich, versteckt im Ärmel seines dunklen, schweren Mantels.

Die letzten hundert Meter ging er zu Fuß, sprang leichtfüßig über die schäbige Gartentür. Gelangweilt stellte er fest, dass die Haustür offen stand. Noch nicht einmal aufknacken müsste er sie. Gleich würde noch etwas ganz anderes knacken. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen und er lauschte, nein, er witterte wie ein Löwe auf der Jagd. Die Frau schien in der Küche zu werkeln, Töpfe klapperten, der Wasserhahn lief.

Plötzlich stieß er die Tür auf, die Frau drehte sich um und für den Bruchteil einer Sekunde sahen sie sich erstarrt in die Augen. Sie wusste, warum er gekommen war und er wusste, dass sie es wusste. Genauso wusste sie, dass er wusste, dass sie es wusste und nahm die fettige Pfanne vom Herd. Schützend hob er seine Arme und das gezogene Messer vors Gesicht und schon bekam er eine Ladung heißes Fett mit Baconstücken über den Mantel. Wie sollte er das seinem Chef erklären! Der Armanimantel war neu und gehörte zu seiner Standartausrüstung! Eine ganze Armee geschälter Kartoffeln prasselte in sein wieder freies Gesicht. Blitzschnell hechtete die Frau in die begehbare Vorratskammer und verriegelte die Tür von innen mit einer länglichen Sardinenbüchse. Der Silencer vertraute auf die Kraft der Hebelwirkung und setzte das Messer an…“

Was für ein Klamauk! So geht das nicht weiter. Die Geschichte muss eine Notwendigkeit haben, und wenn nicht, wenigstens eine moralische Aussagekraft. Eine unerwartete Wendung.

..und setzte das Messer an. In diesem Moment klirrten alle Fensterscheiben und der Silencer wurde von hereinspringenden SEK-Polizisten umzingelt, die mit ihren leuchtenden Maschinenpistolen jede Ecke des Raumes hektisch durchsuchten.“

Klischeewarnung! Viel zu einfach.

..und setzte das Messer an. Schon gab die Zarge nach, schon bog sich das Holz unter der Kraft des ehemaligen Faustkampfchampions. ‚Schatz, ich habe dir was mitgebracht!‘, rief Herr Romanowski im Flur. ‚Ich komme gleich.‘, und er stieg die Treppe hoch. Frau Romanowski nutzte die angestrengte Denksekunde des Killers aus, stürzte aus dem Schrank und kippte ihm ein ganzes Glas Cayennepfeffer in die Augen. Vor Schmerz stöhnend floh Gonzo aus dem Haus zu seinem BMW. Eigentlich war es gar nicht seiner, aber das spielt keine Rolle.

Herr Romanowski setzte sich in sein Arbeitszimmer. Gleich würde es zu Mittag Bratkartoffeln mit Speck geben. Er war glücklich, denn seiner Frau hatte er ein niegelnagelneues WMF-Küchenmesser gekauft. Das wollte er ihr gleich schenken, aber diesen Einfall musste er vorher noch aufschreiben. Es war nie zu spät, mit dem Schreiben anzufangen. Er tippte: ‚Schreiben muss man üben. Nein – man muss es erst lernen…’“

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