by fatjoe89

Herbstgedanken

„Der Tag ist kühl und grau.

Ein nass-kalter Wind peitscht in mein Gesicht und bringt meine Nase zum tropfen

Er schleicht langsam vorbei an meinen schwarzen Tennissocken das Bein hinauf und ich beginne zu frieren. Ich laufe über einen Feldweg, der Mais am Wegesrand ist braun und welk, die Kolben so mickrig, dass es sich offenbar nicht lohnte sie zu ernten, er beugt sich dem unbarmherzigen Wind. Genauso wie die ungenießbaren orange roten Vogelbeeren, welche den wohl einzigen farbigen Akzent an diesem Herbsttag darstellen. Selbst die Sonne scheint bei diesem Hundswetter nicht scheinen zu wollen, erst spät erwacht, schlummerte sie wie im Winterschlaf den ganzen Tag hinter den, immer stärkeren Regen hervorbringenden, Wolken wie unter einer Daunendecke .

„Sonne, oh wie beneide ich Dich, mollig warm und fernab von allem weltlichen Sorgen ziehst Du Tag ein, Tag aus dahin, ohne Dich zu kümmern warum und wofür.“

So träumend dahin schreitend werde ich, angekommen in der Zivilisation, von selbiger jäh aus, oder sagen wir lieber hinter,  allen Wolken hervorgeholt, ein entnervter und viel zu schnell fahrender Mercedes Fahrer hat soeben eine Pfütze durchfahren und so meine Beine in Spritzwasser getaucht, wie von tausend Nadelstichen begleitet legt sich die nasse Hose an meine Waden und der eiskalte Wind gibt mir den Rest. Am liebsten würde ich die Welt verfluchen, laut losschreien oder einfach anfangen zu weinen. Wofür hat man den Herbst erfunden, ist dies Gottes Rache für unsere Dekadenz? Für unsere seit Jahrhunderten andauernde Ignoranz gegenüber seiner Schöpfung und seinen Geboten, wenn dem so ist, Touchè Gott!

Langsam komme ich wieder zur Raison, es hilft ja eh alles nichts, ich bleibe an der Ampel stehen und schaue die Straßen entlang, die Straßenlaternen werfen mattes Licht auf die rot und weiß leuchtende Blechlawine, welche sich im Feierabendverkehr bis an den Horizont schlängelt. Dese Lawine kennt kein Erbarmen, wer  ihr nicht rechtzeitig entkommt  wird mitgerissen. Direkt vor mir, Auffahrunfall, ich bleibe kurz stehen um zu schauen ob ich helfen kann, doch in dem Moment steigt der in den Unfall involvierte Benz Fahrer,  Anfang 50, graues Haar, aus und fängt an den andern Fahrer wüst zu beschimpfen, was dieser in gleicher Lautstärke erwidert und ich beschließe mich lieber rauszuhalten. Weiter hinten  in der Schlange wird schon angefangen zu hupen, warum es denn nicht weitergehe. An diesem furchtbaren tag wollen wohl sogar die Leute im warmem Auto schnell nach Hause und der hektischen Welt entkommen. Ich biege nun in die Straße, in der mein Haus steht, nur noch ein kleines Stück sage ich mir, doch der Weg kommt mir unendlich lang vor, der einzige Fixpunkt, der hell erleuchtete Kaufmannsladen an der Ecke, wird nur minimal größer. Der Wind, nun von hinten kommend, weht mir meine Haare in die Augen, nach dem fünften mal Haare aus dem Gesicht Streichen gebe ich es auf und unterwerfe mich der höheren Gewalt, eine halbe Ewigkeit und 156 Zaunpfähle später, ja ich habe sie alle gezählt, irgendwie musste ich mich ja von der schieren Unendlichkeit meines Weges ablenken, komme ich endlich zuhause an. Total durchfroren und durchnässt kann ich meine Beine kaum noch spüren, sofort die Klamotten vom Leib gerissen und unter die heiße Dusche gesprungen höre ich mir noch den Wetterbericht für morgen an: Sturmwarnung, Tief Mordechai bringt Böen der Stärke 8 sowie einiges an niederschlag mit sich.

In der Hoffnung irgendwie irren sich die Meteorologen lege ich mich ins Bett und träume von einer besseren Welt, ohne Herbst.“

„„Mensch, da wird man ja depressiv“, sagte er und legte das Buch aus der Hand. Er streckte sich, den ganzen Tag hatte er nun schon hier gesessen und gelesen, er wusste nicht wie spät es war und ihm war das Sitzen unangenehm geworden so machte er sich auf einen kleine Spaziergang. Er zog sich warm an weil er wusste, dass der aufgekommene Wind mitunter fiese kalt sein kann und stapfte los, in der langsam untergehenden aber  trotzdem kräftigen Herbstsonne ging er  langsam aber bestimmt aus der Stadt hinaus, kam zu  Kindern die Kastanien sammelten und Drachen steigen ließen, das hatte er früher auch gerne getan. Die Stärke des Windes in den Händen zu spüren und dabei dennoch den Drachen kontrollieren zu können und mit ihm Kunststückchen zu vollziehen, das hatte ihn immer schon begeistert, er war eh seit Jahr und Tag fasziniert von der Vielfältigkeit der Natur. Diese raue, zerstörerische Unzähmbarkeit des Windes, welcher das Meer zu hohen Wellen auftürmte, die dann mit voller Wucht gegen die Kaimauern schlugen  oder die riesigen Boote im Hafen hin und her schaukelten, wie seine Schwester ihre Puppe. Dem gegenüber stand die zarte Schönheit einer  aufgehenden Blüte, benetzt von ein paar  Tropfen zarten Morgentaus, während der Morgennebel im Tal langsam  der die Landschaft in goldgelbem licht erleuchtenden Sonne wich,  welche die Kronen der kleinen Wellen auf dem Meer anstrahlte und sie wie Rubine auffunkeln ließ. Oft stand er morgens auf dem  Hügel im Westen der Stadt und beobachtete dieses Schauspiel. Er hatte auch mal versucht es zu photographieren, aber nichts vermochte, so befand er, die wahre Schönheit der Natur so zu offenbaren wie der Anblick selber, er war der Meinung die Natur ließe sich nicht in einem kleinen Kasten fangen, der zwar das Bild mit 12 Megapixeln wiedergab , jedoch den frischen, leicht salzigen Geruch des Meeres, die Friedlichkeit in der noch schlafenden Stadt sowie die wärmende kraft der ersten Sonnenstrahlen des Tages in keinster Weise einzufangen vermochte. Lange stand er noch da, beobachtete, wie die bunten Drachen fauchend den Himmel durchkreuzten und einen Salto nach dem anderen schlugen. Als es anfing ihn zu frösteln ging er weiter. Er hatte sich vorgenommen solange die Blätter noch an den Bäumen hingen  möglichst oft im Wald spazieren zu gehen und das wollte er auch diesmal tun. Er bog um die letzte Ecke und ein wunderschönes Schauspiel bot sich ihm, der Wald, in  strahlende Farben getaucht, dahinter die untergehende Sonne, welche eine kleine Regenwolke hinter dem Wald in kräftigem Kaminrot anstrahlte und ein Regenbogen, welcher irgendwo im Wald enden musste, er dachte an die Geschichte von dem kleinen Kobold, der am Ende des Regenbogens warten würde, und überlegte sich so schnell wie möglich das kleine Männchen zu suchen um den Wald als reicher Mann verlassen zu können, doch das war es ihm nicht wert,  dieser Anblick bescherte mehr Reichtum als alle Töpfe voll Gold auf der Erde zusammen. Als die Wolke weitergezogen war, setzte er seinen Gang fort, auf seinem Weg durch den Wald sah er noch einige Eichhörnchen welche die letzten Eicheln und Bucheckern  zusammensuchten und sicher auch bald n einen friedlichen und ungestörten Winterschlaf fallen würden, sowie einen Igel der sein raschelndes Junges unter einem Haufen Laub begrub, sicher waren auch dies die letzten Vorbereitungen für ihren Winterschlaf. Als er merkte die Sonne würde bald untergehen, machte er sich auf den Heimweg, die Straßenlaternen waren schon an und er roch Kaminfeuer. Von dem Hügel aus hatte man eine wunderbare Sicht auf die Stadt. Er sah wie sie dort friedlich im Dunkeln lag, der Schein aus den Wohnzimmern und Küchen tauchte die Stadt in ein warmes Licht, die Straßen waren beleuchtet von den letzten von der Arbeit heimkehrenden und sich auf Frau und Kind freuenden Familienvätern. So machte auch er sich auf den Weg nach Hause. Dort angekommen, freute er sich nun, dass jemand den Ofen angemacht hatte, vielleicht war es die mütterliche Vermieterin gewesen, welche ihn auch gerne zum Mittagessen einlud, odr ihm von ihren Weihnachtskeksen immr ine kleine Dose vor die Haustür stellte.

Er setzte sich vor den Kamin und entschlummerte in seinem Ohrensessel in den Schlaf der Gerechten.“

„Boah, so ein Kitsch“, rief er erbost, legte die Ausdrucke unsanft auf den Schreibtisch und dachte über eine andere Inspiration für seine Hausaufgabe, ein Herbstgedicht zu verfassen, nach, einige Zeit später nahm er seinen Füller in die Hand und schrieb:

Wenn der Baum auch‘s Blatt verliert,

Herbst ist, was in deinem Kopf passiert.

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