von Philalex89

Wir müssen alle Geld verdienen. Was werden wir also? Ingenieur, dem ist ja bekanntlich nichts zu schwer, noch nicht einmal die Mathematik, oder doch besser Programmierer, statt Jugendfußballmannschaft und frische Luft einen eigenen IRC-Channel und neben Dostojewskijs Idioten ein doppelt so dickes Werk über C-Programmierung, wie wäre es mit? — Betriebswirt, früher: Kaufmann, heute Massenstudent, aber gute Bilanzenrechnung bringt am meisten Kohle, nein ich habs!, etwas, das alles vereint: Unternehmensberater, inklusive einem Bewerbungstraining, härter als die Rekrutierung der Schweizer Garde, mit korrektem Scheitel und Blackberry, noch besser: Mediziner, der Traum eines Helden wird war!, im Dschungel mit ausgekochten Glasspritzen gegen die Cholera vorrücken, in der Wüste Not-OPs an Bürgerkriegsopfern vornehmen, Ärzte ohne Grenzen, George Clooney im Emergency Room!, doch begrenzte Hochschulplätze und die monatelange Biochemie bleiben schwer überwindbare Schranken; dann doch besser Psychologe, die werden ja in der Wirtschaft so dringend gebraucht, wahrscheinlich zur Profitsteigerung, aus Asien werden Meditationsräume in der Firma eingeführt und jedem Mitarbeiter wird am besten noch ein Gutachten über die Effektivität seiner Seele angefertigt, Statistik und Ökonomie hängen ja sowieso eng miteinander zusammen; ja, wir wollen alle ausgesorgt haben, quasi aussorgen, das klingt beunruhigenderweise so ähnlich wie „aussaugen“, was bleibt für das Seelenheil? Die Geisteswissenschaften.


Vor allem durch das Gerede der Leute, teilt sich unsere Gesellschaft selbst in karrieremachende, aber kaputte Naturwissenschaftler und arme, brotlose Geisteswissenschaftler und Künstler auf, vor allem was die Hochschullandschaft angeht. Natürlich gibt es noch eine ganze Menge ehrenvoller Ausbildungsberufe. Man kann ja zur Not Bademeister werden, da hat man es immer schön warm und tropisch, man kehrt sozusagen geborgen zur Jungschen Urmutter zurück… Was will ich eigentlich sagen? Ich höre schon die Zurufe: Wir brauchen wieder Universalgenies! Goethe! Hegel! Humboldt! Aber die deutsche Klassik ist leider vorbei. Während Platon (kein Deutscher) noch alle Wissenschaften in seinem Denken vereinte (kaum einer weiß, dass die Musik einmal eine Sparte der Mathematik war, aber das war Pythagoras, Platon bezog sich später auf diesen), wird heute die Philosophie als überheblich-überflüssige Muße angesehen, während die Physik und alles Technische zur neuen Gottheit erhoben wird.

Ich liebe den Computer, wie wir alle, mit ihm verbringen wir mehr Zeit als mit unseren Liebsten, mit diesem Schrein, diesem Triptychon der Technik: Internet, Spiel und Arbeitsplatz. Nicht, weil wir neue Handys, Laptops und MP3-Player wirklich benötigen, werden neue Modelle erfunden und produziert, sondern weil uns neue Techniken geboten werden, sind wir auf einmal ganz heiß drauf. 32 Gigabyte sind besser als 16 Gigabyte, doch wer kann schon fünf Tage am Stück Musik hören? Na gut, man hat aber dann die Auswahl zwischen tausenden Titeln, doch damit auch die bekannte Qual. Jedes Lied wird bis zum ersten Refrain gehört, da man ja sowieso den ganzen Tag im Kaufhaus, im Fahrstuhl, im Auto, in der Küche und beim Fernsehen mit Klängen beschallt wird. Früher musste man sich die sieben Mark teure Bob Dylan-Platte noch mühsam zusammensparen, würden jetzt unsere Ahnen sagen. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

Wir sind so im technischen Konsumzeitalter verwurzelt, dass wir ohne Weiteres nicht herauskommen, und ich wäre der Letzte, der seinen PC aus dem Fenster werfen würde. Wichtig ist nur, alles einmal zu reflektieren. Ist die langweilige Vorabendserie, das Computerspiel, das überschäumende Infotainmentprogramm des Internets mit all seinen Tücken nicht nur eine Ablenkung? Verdrängung? Und da kommen die Geistes- und Sozialwissenschaftler. Sie sind heute wichtiger denn je, denn sie kritisieren und beobachten die Gesellschaft scharf, reflektieren und geben Ratschläge. Zurück zur Natur! Lasst das Gefühl leben! Nicht nur der technische Fortschritt und die komplette Rationalisierung des Lebens sollen unsere Ziele sein, sondern vor allem die Herausbildung einer reifen Persönlichkeit und ein harmonisches Leben. Man kann nicht alles mit Statistiken, Bilanzen und Formeln erklären, aber umso mehr mit der Geistes- und Kulturgeschichte der Völker, mit dem Studium der Kunst und Religionen. Das Paradoxon „Aus der Geschichte der Völker können wir lernen, dass die Völker aus der Geschichte nichts gelernt haben“ (Hegel) trifft den Kern jeder kulturgeschichtlichen Forschung. Geisteswissenschaftler können uns zeigen, welchen Wert moderne Kunst und Kunst an sich für uns noch hat, und was wir von den expressionistischen Farbschlieren eines Pollack über uns lernen können. Deswegen erkläre ich hiermit: Die Welt braucht Geisteswissenschaftler, die uns von Außen studieren, damit unsere Maschinen nicht auf einmal schlauer werden als wir selbst!

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