Wer sich nicht für Bücher interessiert, liest bitte den vorangehenden Fußballartikel.

Derjenige, der im Jahre 2008 anno domini das Abitur im Fach Deutsch des wunderschönen Bundeslandes Niedersachsen abgelegt hat, wird sich (wahrscheinlich) an einen Typen namens Tellkamp erinnern. Seine sprachkünstlerische Masturbationsvorlage „Der Schlaf in den Uhren“ polarisierte diejenigen Schüler, die wirklich Lust auf die Beschäftigung mit Literatur hatten. Ein Beispiel für Gegenwartsliteratur sei hier gegeben, dafür habe der Jungautor sogar den Ingeborg Bachmann-Preis gewonnen. Naja, diese Auswahl sei entschuldigt, die Beamten im Kultusministerium sind ja auch nur pensionierte Lehrer.

Im selben Jahr rückte der gefeierte Uwe Tellkamp mit einem Spät-DDR-Roman heraus. „Der Turm“ spielt im Dresdner Villenviertel der 80er Jahre, in dem sich eine handvoll humanistisch gebildeter Bürgerfamilien in die sogenannte „innere Emigration“ geflüchtet haben. Ein Fragment der Bourgeoisie der Jahrhundertwende, das sich nur äußerlich dem Arbeiter- und Bauernstaat unterwirft. Ihre scheinbar schwieligen Hände blättern abends in Goethes Gesamtausgabe und spielen Mozarts Streichquartette. Das Leben der Hauptperson erinnert sehr an Tellkamps eigene Biographie: Ein introvertiert-intellektuelles Bürschchen versucht sich anzupassen, doch bricht sein inneres Aufbegehren in einer Befehlsverweigerungssituation in der NVA drastisch hervor. Alle Schikanen diktatorischer Beugehaft und schließlich Hilfsarbeit vor einer Kulisse à la Bitterfeld folgen. Ja, so könnte die DDR gewesen sein, denkt der interessierte Westdeutsche; ja, wieder erwartete DDR-Klischees, denkt der naserümpfende Ostdeutsche. Kritiker ließen es sich nicht nehmen, diesen Roman sogar mit Thomas Manns „Buddenbrooks“ zu vergleichen. In der Tat entwirft Tellkamp ein Generations-Gesellschafts-Panorama und führt seine Taktik der lupenhaften Ornamentik seiner Sprache fort. Der Schwung einer Verzierung eines eisernen Gartenzauns kann schon über Seiten fesselnd sein. (Achtung Ironie!) Man beachte meine obige Charakterisierung der Erzählung „Der Schlaf in den Uhren“. Bis hierhin schreitet der Thomas Mann-Vergleich noch stolz daher, betrachtet man Tellkamps Figurenkonzeption gerät er schnell ins Hinken. So sagen es jedenfalls Kritiker und kommentierende Amazonkunden.

Uwe Tellkamp, ich weiß ja nicht. Sein Amateurbewerbungsvideo zum Ingeborg Bachmann-Preis war einfach nur lächerlich. Unglaublich einfallsreich erzählte er über sich selbst, und das auch noch in einem Kostümverleih oder einer Requisitenkammer. Mit Kapitänsmütze auf dem Kopf sprudelten geistreiche Sprüche hervor wie: „Ich bin der Kommandeur meiner Phantasie“. Nicht einmal Arte präsentiert sich so gewollt künstlerisch. Seine kalten, stechenden Augen machten ihn nicht unbedingt sympathischer, welche man auf Pressefotos gut erkennen kann. Dennoch gilt für mich immer: Der ästhetische Eindruck entscheidet, das Gefühl.

Bekomme ich eine Gänsehaut, bin ich gefesselt oder gelangweilt? Im Großen und Ganzen hat mir das 950-Seiten-Werk „Der Turm“ sehr gut gefallen und ich wage nicht, mich einer Kritikerposition anzuschließen, da ich ihn nicht analytisch gelesen habe, sondern nur unterhaltend. Dieser Artikel könnte sich zu einer reinen Buchbeschreibung auswachsen, soll er aber nicht. Jüngste Plagiatvorwürfe gegenüber Tellkamp haben mich wieder auf seine Spur gebracht.

Laut dem Spiegel ist das Suchen und Finden von Plagiaten in letzter Zeit verbreiteter gewesen, Tellkamp hätte keine Größe gezeigt, indem er seinen Anwalt eingeschaltet hätte, dennoch gelte das Buch „zu den großen, aus der deutschen Geschichte erzählenden Romanen“. Die „geklauten“ Szenen wären auch nur eine Randhandlung und würden gar nicht auffallen. Im Gegensatz zur Musik und (bildenden) Kunst hätte die Literatur noch wenig Akzeptanz gegenüber „Künstlerzitaten“ entwickelt. Das führt mich zu wichtigen Fragen: Was ist Abschreiben? Die wörtliche Wiederholung oder schon die reine Ähnlichkeit zweier Szenen? Reicht die ähnliche Kombination von Wörtern aus, um in Plagiatsverdacht zu kommen? Wie „frei“ darf oder muss Kunst sein? Ab wann darf eine Konstellation als Motiv oder Topos der Literatur gelten und auch so benutzt werden? Und wer entscheidet, wo diese Grenzen liegen? Der Spiegelautor hat recht, in der Kunst und Musik ist zitieren salonfähig. So sagte schon mein Onkel: Johann Sebastian Bach hat schon alle Melodien und Harmonien der westlichen Welt komponiert! Wer hat Lust ihm das Gegenteil zu beweisen? Die „Hit the Road Jack“-Akkordfolge von Ray Charles hab ich jedenfalls schon im „Präludium Nr.2 für Anfänger“ gefunden.

Ich möchte hier keinesfalls den Autor entlasten, vielmehr möchte ich versuchen, unser aller Bewusstsein zu schärfen. Da ich Germanistik studiere, kenne ich natürlich auch die Meinungen meiner Zunft zu diesem Thema. Unser Lehrbuchpabst der neueren deutschen Literatur, Ralf Klausnitzer von meinem Institut, hat einen ganz schönen Artikel verfasst, der Uwe Tellkamp gut wegkommen lässt. Man beachte trotzdem die bissigen Kommentare.

Die Meinung eines Literaturwissenschaftlers finden Sie hier.

Ich hoffe, ich habe euch nicht zu sehr genervt. Auf Kommentare bilde ich mir ne Menge ein, also los!

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