Als ich mich im Urlaub in Südfrankreich mit einem Geoinformatiker über den Sinn und die Wissenschaftlichkeit der Geisteswissenschaften stritt, ist mir klar geworden, welche schwierige Position die Literaturwissenschaft im akademischen Feld verteidigen muss. Für den technikbegeisterten Geographen hätten Untersuchungen nur einen Anspruch auf das Prädikat „Wissenschaftlichkeit“, wenn sie durch quantitative Statistiken belegt werden könnten und, unter den gleichen Umständen wiederholt, das gleiche Ergebnis lieferten. Alles andere sei Sache des Gefühls, quasi Privatsache und keine Wissenschaft. In mir regte sich heftiger Widerstand, doch das Gegenteil konnte ich ihm nicht beweisen.

Man muss zugeben: Die Literaturwissenschaft tappt in einer Grauzone der Interpretation, die, abhängig von wissenschaftlichen Trends, sehr unterschiedliche Schattierungen annehmen kann. Thomas Manns „Buddenbrooks“ kann man rein autorbiographisch, poststrukturalistisch oder im Rahmen der Gendertheorie analysieren, man käme in jedem Fall auf eine andere Interpretation – und doch wäre keine falsch. Ist die Familie Buddenbrook ein Abbild von Thomas Manns eigener Familienerfahrung im späten 19. Jahrhundert, oder darf man familiäre Bezüge nur textimmanent interpretieren? Sehen wir in diesem Roman Grundzüge einer rein patriarchalischen Ordnung? Ja und nein – Literaturwissenschaftler können dies alles interpretieren und noch viel mehr.

Als Germanist muss man diese Eigenart der Literaturwissenschaft möglichst schnell durchblicken und sich seine eigene wissenschaftliche Lücke suchen. Wie sieht es nun aber mit potenziellen Lesern abseits des akademischen Feldes aus? Wie würde sich ein fachfremder Leser zur Literaturwissenschaft verhalten? Klar ist: Der Mensch liebt befriedigende Gewissheit und Wahrheit; einen Gegenstand von mehreren Seiten zu betrachten benötigt einen Standortwechsel, und der ist anstrengend. Die populärwissenschaftliche Geschichtswissenschaft löst dieses Problem, indem sie ihre Leser in gespielter Sicherheit wiegt. Die Varusschlacht hätte ganz sicher in Kalkriese stattgefunden und Augustus hätte vor Trauer über diese Niederlage natürlich seinen Kopf gegen die Wand gehauen! Jeder sollte die Themen der Populärwissenschaft verstehen – das ist natürlich kein Grund ihre Erkenntnisse so zu vereinfachen, dass sie zu vorschnellen, ungeprüften Feststellungen führen.

In der Literaturwissenschaft ist dieses Vertuschen nicht so leicht möglich, da ihr Gegenstand – die meist „hohe“ Literatur – grundsätzlich in viele Richtungen interpretierbar ist. Das Standortwechseln ist somit Hauptbedingung für den Betrachter, die relativ hohe Beliebigkeit der Interpretation legt also den wissenschaftlichen Umgang mit der Literatur fest. Ist ein fachfremdes Publikum gewillt so mit Literatur umzugehen?

Literatur ist so widersprüchlich und vielfältig wie der Mensch selbst. Literatur ist keinesfalls beliebig zu interpretieren, doch jede Interpretation steht auf wackeligen Füßen und keine kann Wahrheit für sich beanspruchen. Ergebnisse der Naturwissenschaft scheinen dagegen gesicherter, anschaulicher und oft brisanter.

Die Themen der Naturwissenschaften sind per se erst einmal  hoch kompliziert und im Detail nur von Experten zu verstehen. Das mathematische Können der breiten Bevölkerung reicht nicht in Ansätzen aus, um den jeweiligen Erkenntnisprozess nachzuvollziehen, und doch werden verständliche Artikel wie „Licht – Der moderne Zauberstab“ oder „Islands Vulkanismus“ veröffentlicht. Die Naturwissenschaften schaffen es, ihre schwer verdaulichen Einsichten dem Volk vorzukauen. Das nennt sich dann Populärwissenschaft. In der Literaturwissenschaft verhält es sich genau umgekehrt: Der Gegenstand, also die Literatur, ist vielleicht nicht jedem so verständlich wie einem Literaturwissenschaftler, aber sie ist jedem Lesenden zugänglich. Ihre Themen betreffen das menschliche Leben und sind meist nachvollziehbar. Germanisten fangen an, über diese erst einmal relativ leicht zugängliche Literatur wissenschaftlich zu diskutieren und verwissenschaftlichen damit den zunächst unwissenschaftlichen Gegenstand; die Literatur als reine Kunst wird wissenschaftlicher Stoff. Das ist legitim. Doch ist es klar ersichtlich, dass sich der literarisch Interessierte eher der Kunstform Literatur widmet, als den Versuch zu starten, sich durch den Dschungel viel zu spezieller literaturwissenschaftlicher Diskurse zu schlagen. Wissenschaftlichkeit soll für Literaturwissenschaftler das gleiche bedeuten wie für Naturwissenschaftler. Für die Literaturwissenschaft gestaltet sich eine objektive Betrachtungsweise sehr viel schwieriger, da sich die Literatur nicht aus objektiven Variablen zusammensetzt.

In der Musikwissenschaft verhält es sich genau so: Abseits populärwissenschaftlicher Komponistenbiographien sind wissenschaftliche Arbeiten für ein Massenpublikum viel zu speziell. Musik zu hören ist schöner, als nur über sie zu lesen. Eine Biographie über Gustav Mahler ist bestimmt interessant, doch sich mit einer Arbeit über den Stimmenverlauf des zweiten Satz seiner ersten Sinfonie zu beschäftigen, ist anstrengend und für Fachfremde eine Qual. Da hört man lieber dieses wundervolle Stück Musik. Es ist also anscheinend schwieriger geisteswissenschaftliche Themen zu popularisieren als naturwissenschaftliche.

Die Möglichkeit, Literatur flexibel zu interpretieren, ist ein Gewinn, denn die komplexe Betrachtungsweise der Literaturwissenschaftler kann vernetztes, offenes Denken schulen. Eine letzte Wahrheit gibt es nicht, weder in der Mathematik, noch in der Geographie oder in der Literaturwissenschaft. Dem fachfremden Publikum Literatur auf diese Weise zugänglich zu machen, wäre die Aufgabe einer populärwissenschaftlichen Literaturwissenschaft. Wichtig ist es dabei, sich vom Zeitungsfeuilleton abzugrenzen, indem man ein kritisches,  wissenschaftliches Licht auf die Literatur wirft.

Fachfremdes Publikum gewinnt der Literaturwissenschaftler nur, wenn er die Anwendbarkeit der Literaturwissenschaft aufzeigen kann. Das wichtigste ist, dass diese Chance erkannt und formuliert wird und der gesamten Gesellschaft zugute kommt. Die Literaturwissenschaft darf nicht in ihrem eigenen Saft köcheln und da liegt das Problem: Germanisten schreiben für Germanisten.

Dem Menschen sind Dinge wichtig, die Verwendbarkeit im täglichen Leben erfahren und dieses erleichtern oder verschönern. Nach solchen Dingen zu streben erscheint dem Menschen sinnvoll und spannend, sie sind die Triebfeder menschlicher Neugier. Die Naturwissenschaften bieten mit ihren Erkenntnissen die Grundlage für Bequemlichkeit fördernde Techniken und beschreiben spektakuläre Prozesse der Natur. So sind so per se interessanter für den normalen Leser. Umso mehr muss sich die Literaturwissenschaft anstrengen ihre Inhalte interessant und gewinnbringend zu vermitteln. Wo findet sich die tatsächliche Anwendbarkeit eines Aufsatzes über Hartmann von Aue? Viel zu selten werden zum Beispiel in der Mediävistik Schlussfolgerungen für unsere Gegenwart gezogen. Gerade historische Wissenschaften sollten Lebendigkeit versprühen und zu Einsichten führen die unsere heutige Zeit betreffen.

Das sagt sich so einfach, aber wenn die Literaturwissenschaft sich nicht mehr in die Zukunft öffnet, verbaut sie sich die Möglichkeit populärwissenschaftliches Interesse zu wecken und somit mehr in der Öffentlichkeit zu stehen. Es ist schade, dass die Literaturwissenschaft dies noch nicht geschafft hat, denn mit der Literatur hat sie einen Gegenstand, der komplexe und wichtige Prozesse der Gesellschaft widerspiegelt, die jeden interessieren sollten.  Literatur ist näher am Menschen, weil sie durch Menschen geschaffen ist – anders als die Gegenstände der Naturwissenschaft. Sollte dann nicht auch die Literaturwissenschaft näher am Menschen sein als die Naturwissenschaften?

Die unzähligen Schriftstellerbiographien sind zwar schon ein erster Schritt zum Lesen anzuregen, doch sind sie kein Abbild zeitgenössischer Literaturwissenschaft, die sich von rein biographischen Interpretationen schon längst entfernt hat. Die Literaturwissenschaft sollte in populärwissenschaftlichen Aufsätzen ihre Wissenschaftlichkeit selbstbewusst propagieren – womit sie sich vom Feuilleton abgrenzt – lebensnahe und anwendbare Interpretationen anbieten und nicht zuletzt die Freude an guter, zeitloser Literatur fördern. Sich dieser Aufgabe zu stellen kann der Literaturwissenschaft nur gut tun und es ist zu hoffen, dass sie zu dieser Reflexion fähig ist.

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