Category: Literatur


Als ich mich im Urlaub in Südfrankreich mit einem Geoinformatiker über den Sinn und die Wissenschaftlichkeit der Geisteswissenschaften stritt, ist mir klar geworden, welche schwierige Position die Literaturwissenschaft im akademischen Feld verteidigen muss. Für den technikbegeisterten Geographen hätten Untersuchungen nur einen Anspruch auf das Prädikat „Wissenschaftlichkeit“, wenn sie durch quantitative Statistiken belegt werden könnten und, unter den gleichen Umständen wiederholt, das gleiche Ergebnis lieferten. Alles andere sei Sache des Gefühls, quasi Privatsache und keine Wissenschaft. In mir regte sich heftiger Widerstand, doch das Gegenteil konnte ich ihm nicht beweisen.

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Dostojewskij – Der Spieler

Klassiker der Weltliteratur für 1,50 € zu erstehen, ist schon ein tolles Gefühl. So kann das Bücherkaufen schnell zur Sucht werden, vor allem bei mir. Das Thema „Sucht“, aber diesmal „Spielsucht“,  wird auch in meinem neueren Fang verarbeitet. Um meine Desorientierung in der russischen Literatur  zu überwinden, habe ich mich an Fjodor Michailowitsch Dostojewskijs Roman „Der Spieler“  herangewagt. „Heranwagen“ ist eigentlich das Falsche Wort für dieses wunderschöne Stück Literatur. Doch nicht zuletzt durch die Klitschko-Brüder und ihre Milchschnittenwerbung ist die russische Literatur dazu bestimmt „ schwere Kost“ zu sein. „Tooooolstoiiiij – schwääääääärrrre Koooohst“, könnt ihr euch erinnern?

Wer keine Lust hat sofort Dostojewkijs Jahrhundertroman „Der Idiot“ mit seinen fast 800 Seiten zu lesen, dem empfehle ich zum Einstieg den „Spieler“. Knackige, spannende und sprachvollendete 150 Seiten! Die Atmosphäre des Buches ist folgende: Die adelige Highsociety der wichtigsten europäischen Nationen trifft sich in der fiktiven deutschen Stadt Roulettenburg, um ihre Renten zu verprassen, die ihnen ohne Arbeit durch große Landgüter in die Hände fließen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts präsentiert sich ihre Residenz, ein nobles Kurhotel zwischen Bürgerlichkeit und Hofstaatlichkeit, als Schmelztiegel unterschiedlichster Charaktere und Nationen. Das erinnert doch stark an Thomas Manns Zauberberg? Doch anstatt Lungenleiden zu pflegen, ist der langweilige Müßiggang die schlimmste Krankheit der Bewohner. Jetzt wird einem klar, warum Thomas Manns Erzählstil zu der Erzähltradition des 19. Jahrhunderts gerechnet wird.

Ein Lotterleben, würde man denken. Doch der Schein trügt. Die Hauptfigur Alexej Iwanowitsch ist als Hauslehrer bei einem schwer verschuldeten russischen General angestellt, der seine Familie und Diener wie einen Hofstaat um sich schart. Der Aufstieg der Bourgeoisie beginnt, der Abstieg des Adels scheint nicht mehr fern. Um sein galantes Leben weiter aufrechtzuerhalten, spekuliert der abgebrannte General auf das Ableben einer reichen Großtante in Russland, dessen Erbe er anzutreten gedenkt. Doch dann…

Die eigentliche Haupthandlung kreist aber um Alexeij und seine Liebe zur Tochter des Generals – Paulina. Eines Nachts gewinnt Alexeij, der sonst nie spielt, alle Roulettetische auf einmal. Sein Glück kann er kann er kaum fassen, seinen Gewinn muss er sofort Paulina zeigen. Paulina, hoffend, in Alexeij einen wirklichen Freund abseits der adligen Scheinwelt gefunden zu haben, denkt, er wolle sie kaufen, und kündigt die Freundschaft. Es konnte anscheinend nicht anders kommen. Alexeij sinkt immer weiter hinab in den Sumpf des Spiels.

Einige herrliche Szenen konstruiert Dostojewskij zur Freude des Lesers: Alexeij unterwirft sich bei einem Parkspaziergang dem Willen Paulinas. Sie spielt mit ihm und möchte, dass er die Frau eines edlen deutschen Grafen auf offener Straße anspricht. Ein bürgerlicher Hauslehrer, der sich so etwas traut! Alexeij stürzt sich in sein Unglück und produziert einen handfesten Skandal im Hotel. Diese Zeit war so anders als unsere. Später – jetzt kann ich es ja ruhig verraten – reist zum Schrecken aller die tot geglaubte Großtante an. Die resolute alte Dame lässt sich in nichts reinreden und verspielt all ihr Geld, der General ist der völligen Verzweiflung nahe. Mit dieser Großtante soll Dostojewskij seinen lebendigsten Charakter entworfen haben. Ich habe mich halb totgelacht!

Dostojewskij verarbeitet in diesem kurzen Roman seine eigene Spielsucht auf seinen Reisen durch Europa – er soll sie dadurch nicht besiegt haben.

Also Leute: Keine Angst vor den alten Russen! Die sprachliche Schönheit der Werke Gogols, Dostojewkijs und Tolstois überwältigt so, dass die angebliche Schwere der russischen Steppe in den Hintergrund tritt.  Ich stehe am Anfang, einen für mich neuen literarischen Kosmos zu entdecken.

Krabat

Die meisten von euch werden schon einmal von „Krabat“ gehört haben – ursprünglich eine Sage, die von Otfried Preußler in einem Roman verarbeitet worden ist.

Es geht dabei um den Betteljungen Krabat, der als Lehrling in einer Mühle unterschlupf findet. Schnell wird jedoch klar, dass der Meister der Mühle längst nicht nur Müller, sondern auch Schwarzer Magier ist, an den Krabat und die anderen 11 Müllergesellen gebunden sind.

Diese bekannte Geschichte ist vor kurzem nun auch noch verfilmt worden – nicht zum besten, wie ich finde. Ich muss dazu sagen, dass ich das Buch nie zur Gänze gelesen habe – mir ist die Geschichte hauptsächlich aus dem Krabat Liederzyklus von ASP bekannt. Und um eben diesen geht es mir bei diesem Artikel. Das im August 2008 erschienene Doppelalbum erzählt die Geschichte um Krabat in Balladen, und ist meiner bescheidenen Meinung nach ein absolutes Meisterwerk. Nach dem nur schleppenden ersten Track, dem Intro „Betteljunge“, war ich schon kurz davor, die CD vorzeitig abzubrechen – ich tat es nicht, und wurde belohnt. Gleich im 2. Lied, „Krabat“, zieht die Geschichte mit einem auch musikalisch sehr gelungen Track deutlich an – und lässt dann kaum noch nach.

Ich möchte euch den Zyklus hiermit ausdrücklich ans Herz legen – nehmt euch die Zeit, lasst euch darauf ein, und lasst euch die Geschichte von Krabat erzählen.

Hier ist der Zyklus als Playlist auf YouTube – darunter leidet zum Teil natürlich leider auch die Qualität.

EDIT: Link zu YouTube war falsch, jetzt korrigiert!

Mein Freund, der Tellkamp

Wer sich nicht für Bücher interessiert, liest bitte den vorangehenden Fußballartikel.

Derjenige, der im Jahre 2008 anno domini das Abitur im Fach Deutsch des wunderschönen Bundeslandes Niedersachsen abgelegt hat, wird sich (wahrscheinlich) an einen Typen namens Tellkamp erinnern. Seine sprachkünstlerische Masturbationsvorlage „Der Schlaf in den Uhren“ polarisierte diejenigen Schüler, die wirklich Lust auf die Beschäftigung mit Literatur hatten. Ein Beispiel für Gegenwartsliteratur sei hier gegeben, dafür habe der Jungautor sogar den Ingeborg Bachmann-Preis gewonnen. Naja, diese Auswahl sei entschuldigt, die Beamten im Kultusministerium sind ja auch nur pensionierte Lehrer. Weiterlesen

Schreiben muss man üben

von Philalex89

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